Münchner Momente:Rätsel am Straßenrand

Papa, was heißt das? Mit einem wissbegierigen Kind kann die Fahrt an den vielen Wahlplakaten vorbei ganz schön anstrengend werden

Glosse von Jakob Wetzel

Kinder zu haben war nie trivial. Aber jetzt, da die Straßen wieder gespickt sind mit Wahlplakaten, muss man doch sagen: Bisher, das war vergleichsweise Pipifax. Doch nun wird es ernsthaft kompliziert. Die älteren zwei Kinder hat man noch halbwegs verwicklungsfrei durch ihre Frage-Phasen gebracht, ohne allzu peinliche Wissenslücken zu offenbaren. Aber der Dritte ist eine härtere Nuss. Und der Weg von der Grundschule nach Hause ist lang wie nie.

"Papa, warum steht da: Rente?", will er schon wissen, da sind noch keine fünfzig Meter geschafft. "Was heißt das?" Rente, das steht jetzt in weißen Buchstaben auf fünf roten Plakaten nebeneinander an der Kreuzung. Kommentarlos. Und was eine Rente ist, gut, das ist schnell erklärt. Aber warum das da steht? Puh. Psychologisch ist das bestimmt ein ziemlich ausgebufftes Wahlplakat. Aber wie sagt man das einem Siebenjährigen? Lieber schnell weiter. Und klammheimlich durchatmen, weil er nicht von hinten auf die Plakate schaut, denn da steht "Löhne". Auch ohne Kommentar.

Doch die Freude währt nur kurz. Dasselbe Kind, geringfügig anderer Ort. "Papa, warum haben die das Auto durchgesägt?", will er wissen. Eine andere Partei hat das Motiv plakatiert. Naja, die wollen, dass die Fußgänger mehr Platz bekommen und die Autos weniger. "Aber warum fahren sie das Auto nicht einfach ganz weg", fragt er. Schweißperlen. Also, das ist lustig gemeint. Der Bub guckt streng. Komm, wir müssen.

Das nächste Plakat hat da mehr Erfolg, das hat jemand übersprüht. "Da hat einer ein Bärtchen drauf gemalt", sagt er und kichert. Gut, dass er keine Frage stellt.

Es sind nur noch ein paar Schritte. "Papa, was ist ein Familienkoch?" Das Wort steht in pinken Buchstaben auf gelbem Grund, dazu ist ein freundlich gen Himmel guckender Mann in schwarz-weiß zu sehen. "Fahrradfahrer" und "Schafkopfspieler" steht auch dabei. Alles klar. Aber "Familienkoch"? Man druckst. Naja, der kocht halt gern, weißt, daheim, für die Familie? Der Bub schweigt. Abends dann das Unvermeidliche: Ob er den Tisch decken mag? "Ich bin doch kein Familienkoch." Höchste Zeit, dass der Wahlkampf wieder endet.

© SZ vom 19.07.2021
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