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Münchner Momente:Kopf hoch, auch beim Sinken

Auf Platz eins der sommerlichen Beschwerde-Hitparade steht ein Leiden, das man gut bekämpfen kann: Paddeln statt Planschen!

Kolumne von René Hofmann

Kinder und Wasser - das bleibt eine ewig reizvolle Kombination. Vor allem im Sommer. Die Kraft des Wassers vermag erstaunliche Wunder zu vollbringen. Wer Kinder schon einmal so lange im Pool hat Planschen sehen, dass die Abenddämmerung ihre blonden Haare grünlich schimmern ließ, ahnt, wovon die Rede ist. Der Kupferanteil im Wasser wird durchs Chlor oxidiert und bindet sich dann an Proteinen in den Haarsträhnen: Die Wissenschaft kann das Phänomen erklären. Aber mit der Wissenschaft haben es Drei-, Vier- oder Fünfjährige noch nicht so. Die Instanz, die ihnen zu erklären vermag, dass es bei 25 Grad und Sonnenschein ein zu viel des Nassen gibt, muss erst noch gefunden werden.

Selbst Schmerzen wirken als Mahnung nur bedingt. Ganz oben in der Beschwerde-Hitparade notiert in den Praxen der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte in warmen Monaten die Schwimmbad-Otitis. Wasser, konstant in den äußeren Gehörgang eingebracht, lässt die Haut dort aufweichen und den natürlichen Fettschutz dahinschmelzen. Chlor beschleunigt den Prozess, aber auch im Meer oder im Badesee ist ihm nicht zu entkommen. Das einzige sichere Mittel gegen das "Taucherohr": Kopf hoch! Weniger Zeit im Wasser verbringen, mehr darauf, wenn es schon ein Heraus nicht gibt. Paddeln statt Planschen also, was aber unmittelbar zur nächsten Herausforderung führt. Der Frage nach dem womit?

Stark im Trend liegen SUPs, Stand-Up-Paddling-Boards, aufblasbare Bretter, auf denen sich mit ein wenig Übung angeblich im Stehen so würdevoll übers Wasser gleiten lässt wie ein polynesischer Häuptling auf Fisch-Pirsch. Die SUP-Auswahl allerdings ist gewaltig, beinahe so schwer zu überblicken wie das SUV-Angebot. Und erste Anzeichen gesellschaftlicher Ächtung SUP-bewehrter Städter lassen sich an den Seen im Umland auch schon ausmachen. Gegen das klassische Schlauchboot spricht noch mehr: unhandlich, mühsam in der Befüllung - und wenn die Kinder doch mal draußen sind, kommen sie im Wasser aus eigenen Kräften kaum mehr hinein. Die Lösung des Dilemmas verspricht eine Ebay-Kleinanzeige: ein altes Surfbrett, im Eisbach ausgiebig Probe gefahren, was bei den Kindern Reiz und Interesse deutlich befeuert. Günstig ist's auch, also nichts wie hin. Erleichterung und Vorfreude sind groß - bis der Verkäufer zum Abschied noch diese eine Botschaft ins Treppenhaus ruft: Im Eisbach gebe es viele Steine und diese hätten vielleicht doch einige Macken geschlagen. "Kann sein, dass es nach einiger Zeit sinkt."

© SZ vom 15.07.2020

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