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Münchner Momente:Fast wie in Hellabrunn

Mei, der Jochberg: Man steigt hinauf, wenn man eigentlich weder Zeit noch Lust hat, droben ist es mal wieder grau in grau, beim Abstieg brettert fast immer der typische Bergradl-Rambo vorbei, und doch: Der Münchner Hausberg ist auch mal für eine ungewöhnliche Sichtung gut

Er ist der Münchner Hausberg im wahrsten Sinn des Wortes. Man steigt hinauf, wenn man eigentlich lieber zu Hause bleiben würde. Wenn man eigentlich weder Zeit noch Lust hat, aber dem inneren Schweinehund dann doch irgendwie Paroli bieten möchte. Aber schon bei der Anfahrt, spätestens in Schlehdorf weiß man, dass man sich wieder ärgern wird. Weil es droben am Gipfel wie immer grau in grau ist. Weil der Aufstieg ein überwiegend aussichtsloser Hatsch durch den Wald werden wird. Weil man beim Abstieg irgendeinem wildgewordenen, trotz unübersehbarer Schilder verbotswidrig mit dem Mountainbike zu Tal bretternden Bergradl-Rambo aus dem Weg wird springen müssen. Das Schlimmste aber: Hinterher, wieder daheim in München, wird man nichts zu erzählen haben. Gar nichts. "Mei, der Jochberg halt. Du weißt schon."

Und genau so kommt es. Fad. Grau in grau. Und beim Abstieg dann der Radler. Gerade will man ihm Unfreundliches hinterherplärren, als man im Rücken Krawall hört. Noch mehr von denen? Na, denen wird man helfen. Man dreht sich um - und sieht, keine zwanzig Meter entfernt, drei Steinböcke vorbeilaufen. Steinböcke! Keine Gämsen, keine Ziegen, keine Rehe. Steinböcke, die mit den eindrucksvollen Hörnern. Keine Ahnung, was die Paarhufer so weit unten machen, vielleicht fanden sie den Sturm am Gipfel genauso unerfreulich, vielleicht war ihnen einfach fad am Jochberg.

Jetzt hat man was zu erzählen daheim in München. "Steinböcke?" Die Freunde schmeißen sich weg vor Lachen. Ob man sich noch an die Geschichte aus Hellabrunn erinnere, fragt einer, die aus der Zeit, als es dort noch Nachtöffnungen gab. Die von dem alten Ehepaar, das sich so freute, auf dem Heimweg noch die Eisbären gesehen zu haben - und dabei ergriffen vor dem Schneeziegen-Gehege stand. Also auf zum Kontrollgang, drei Wochen später. Beweissicherung. Diesmal mit Kamera. Das Wetter ist unterirdisch, der erste Schneesturm des Jahres. Der Aufstieg wird dadurch nicht weniger fad. Die Sicht vom Gipfel gleich Null. Und nirgendwo ein Steinbock, keine Spur. Noch nicht einmal ein Downhill-Radler. Bis zum Abstieg. Plötzlich ein Geräusch im Rücken. Man dreht sich um ... Mei, der Jochberg halt.

© SZ vom 30.12.2019
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