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Münchner Momente:Ein Eindruck von Freude

Nach der langen coronalen Ruhe ist jedes wiederkehrende Geräusch auch ein Hoffnungsschimmer. Am 23. August könnte es auf der Leopoldstraße vereinzelt zu Jubelrufen kommen

Kolumne von Philipp Crone

Töne sind ja gerade ein wichtiges Thema. Nicht nur, weil sich Feiernde und Wohnende an vielen Stellen der Stadt abends und nachts scheinbar unversöhnlich gegenüberstehen, so dass man schon befürchten könnte, die mobile Bluetooth-Box wird zum Symbol der nächsten schweren Krise in den Großstädten. Nach der langen coronalen Ruhe ist aber ja jedes wiederkehrende Geräusch auch ein Hoffnungsschimmer und erinnert an die gute alte Zeit. Ein dröhnendes Flugzeug am Himmel? Früher wurde so etwas im Städtergehirn automatisch genoisecancelt, heute klingt es für manche beinahe wie Musik, vor allem für solche, die bald in den Urlaub fliegen wollen. Spätes Gelächter vom Nachbarbalkon? Das Ärgernis von damals erzeugt jetzt den wohligen Schauer des Zusammenlebens. Auch auf der Leopoldstraße.

Dort muss man sich ja seit Monaten wie in einem wattierten Traum vorkommen. Keine Protz-Plaudereien in Bachmaiers Hofbräu, kaum röhrende Männlichkeitssignale aus Autos ohne Dach und sogar Stille am Dienstagabend, den 16. Juni. Gut, das kann in einer Stadt wie München schon einmal passieren, dass die Fans den Moment des Meistertitels verpassen. Vor allem wenn es der Achte ist, der auch nur noch mit der nüchternen Zahl auf den Titelshirts gefeiert wird. Eine Zahl, die nur eine 90-Grad-Drehung braucht, um unendlich zu werden. Eine Horrorvision für viele.

Insofern ist es doch vielleicht eine gute Nachricht, dass sich an diesem Samstagabend einige wackere Maskenträger in rot und weiß in die Leopoldstraße aufgemacht haben, um zumindest nach dem Pokalfinale den Fotografen der Welt den Eindruck zu vermitteln, an der Isar würde man sich über einen Pokalsieg freuen. Es sind doch allemal packendere Bilder, wenn sich XXL-Kimmichs in den Armen liegen, als schmale Fußballprofis, die reflexhaft leeren Tribünen applaudieren. Für alle Anwohner, nistende Sommervögel und Münchner Stille-Flaneure: Am 23. August könnte es am späteren Abend vereinzelt zu Jubelrufen kommen, nach dem Champions-League-Finale.

© SZ vom 06.07.2020

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