Münchner Momente:Besser wählen mit Schiller und Goethe

Die Briefwahl ist etwas ganz Wunderbares. Quasi das letzte Refugium der großen deutschen Briefkultur. Aber wer weiß, wie lange noch?

Glosse von Wolfgang Görl

Klar, man könnte auch im Wahllokal seine Stimme abgeben, aber dort hat das Familienoberhaupt keine Kontrolle, ob die wahlberechtigten Mitbewohner ihr Kreuz an der Stelle machen, die der Befehlshabende wünscht. In München soll es sogar eine Frau geben, die vor vier Jahren - und jetzt wird es krass - die Grünen wählte, obwohl ihr Ehemann unmissverständlich angeordnet hatte, die CSU anzukreuzen. Bei der Briefwahl kann das nicht passieren, vorausgesetzt, die familiäre Hierarchie ist intakt. Politisch verantwortungsvolle Haushaltsvorstände achten darauf, dass der Stimmzettel in ihrer Gegenwart ausgefüllt wird, ohne politische Eigenmächtigkeiten. Noch sicherer ist, das Familienoberhaupt füllt alle Zettel selbst aus, damit beispielsweise der Herr Sohn, der auch sonst missraten ist, nicht die Gelegenheit hat, für die Sozis zu stimmen und das Land in den Abgrund zu reißen.

Überhaupt ist die Briefwahl etwas ganz Wunderbares. Quasi das letzte Refugium der großen deutschen Briefkultur, die so geistreiche Literatur wie den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe hervorgebracht hat oder den romantischen Liebesbrief, der unter Kennern als Bundesschatzbrief firmiert. Sogar Beethoven, obwohl nur Musiker, hat Liebesbriefe geschrieben, derart schön, dass einem die Ohren sausen: "Schon im Bette drangen sich die Ideen zu Dir, meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, vom Schicksale abwartend, ob es uns erhört - leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht." Solch zauberhafte Sätze bekäme heute keiner mehr hin, und wenn doch, würde er sich lächerlich machen bei der Angebeteten, die eher mit einem coolen Herz-Emoji zu betören wäre oder einem per Twitter hingehauchten "I luv U".

Keine Frage, zur erhabenen Sphäre der Schriftkultur gehört auch die Briefwahl. Wem der schöne, aber leider gefährdete Brauch des Briefeschreibens am Herzen liegt, sollte unbedingt an ihr teilnehmen, zumal dies vielleicht die letzte Briefwahl ist. Schon die nächste Bundestagswahl könnte über ein Online-Portal des bayerischen Unterrichtsministeriums laufen. Umso mehr sollten Briefwähler im Geiste der klassischen Brieftradition handeln. Nicht einfach nur den CSU-Kandidaten ankreuzen (Kreuz und CSU gehören von Natur aus zusammen), sondern auch ein paar persönliche Worte für den Auserwählten auf den Wahlzettel schreiben, zum Beispiel: "Leben kann ich entweder nur ganz mit Dir oder gar nicht. Dein treuer Wähler Franz Xaver Birnbrenner." Besonders vornehme Briefwähler parfümieren ihren Stimmzettel mit Rosenwasser oder einem markanten Herrenduft, auch eine beigelegte Rose erfreut die Wahlhelfer bei ihrem harten Job. Das alles fördert nicht nur die Briefkultur, sondern nützt auch dem Kandidaten: Stimmzettel mit persönlicher Widmung zählen doppelt.

© SZ vom 15.09.2021
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