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München:Vom Wunsch zur Wunsch-Wohnung

Ein Aktionstag von Genossenschaften und Baugemeinschaften macht Mut zum gemeinsamen Planen, zu Mitsprache und Eigenverantwortung - aber er unterstreicht auch, wie viel Zeit und Mühe aufgebracht werden muss

Wo ist denn die Lissi-Kaeser-Straße? "Da wollen wir auch hin", tönt es vom nachfolgenden Radfahrer. Der Run auf den Tag der offenen Wohnprojekte ist groß. Bei der Baugemeinschaft "Gemeinsam ökologisch" in Schwabing gruppieren sich schon viele Interessenten um den großen Tisch im Hof. Einladend haben die Bewohner ihn mit Astern dekoriert, Apfelsaft und Brezen hingestellt.

Philippe Artu von gegenüber ist gekommen, ihn interessiert der ökologische Aspekt. Seine kleine Tochter Isabell fühlt sich im Sandkasten wohl. Beate und Dietmar Bruckmann treibt eher die Frage um, "wie es im Alter weitergehen soll". Sie sehen am Beispiel der eigenen Eltern, wie nötig es ist, rechtzeitig selbst vorzuplanen und das nicht den stark eingespannten Kindern zu überlassen. Wo sie jetzt wohnen, das sei "schon sehr anonym", sagt sie. "Und wenn man nicht zuerst stirbt, dann sterben einem die Freunde weg", sagt er. Gute Kontakte zu Jüngeren wünschen sie sich. Privatsphäre aber ist ihnen auch wichtig.

Fabian und seine Mama sitzen Probe auf einem Balkon von "Lindenhof".

(Foto: Robert Haas)

Am Ende, als sie aus der Wohnung von Julian Franke kommen, stellen sie begeistert fest: "Das hat uns motiviert." So geht es auch Jens Petershagen und seiner Begleiterin: "Die haben hier auf der Basis gemeinsamer Werte gehandelt. Und sie haben gemeinsam Werte geschaffen", lobt er.

Die acht Parteien umfassende Baugemeinschaft "Gemeinsam ökologisch" ist eines von 23 Projekten in ganz München, das am Samstag Interessenten Mut machen wollte. Julian Franke, einige seiner Nachbarn und auch der Architekt Erich Werle haben sich Zeit genommen. Sie schildern den Prozess, beginnend mit der Bewerbung um die Fläche, in Konkurrenz mit 20 anderen Gruppen. Sie sprechen von genau 100 mehrstündigen Bau-Sitzungen, "jeden Dienstag an derselben Stelle", in den zwei Jahren der Planungs- und Bauphase, erinnern an eine Fassadenbaufirma, die unterwegs pleite ging. Und dennoch würden sie es wieder tun. Es habe sie alle weitergebracht, sich mit Material und Methoden auseinanderzusetzen, mit den eigenen Wünschen, mit denen der anderen. Die bunte Mischung der Gruppe habe viel geholfen, jeder sei Experte für einen bestimmten Bereich geworden. Beeindruckt sind Gäste vom Preis, der trotz der Hochwertigkeit an der Untergrenze der damaligen Durchschnittskosten gelegen habe, andere von Solaranlage und Grundwasserwärmepumpe. Auch die Flexibilität der Grundrisse ist nachahmenswert: Die großen Maisonette-Wohnungen ließen sich ohne viel Mühe halbieren, denn sie haben bereits zwei Eingänge, umprogrammierbare Schalter, die Anschlüsse für eine zweite Küche. Dass Frankes Wohnung auch noch einen Gartenanteil hat, findet Beate Bruckmann wunderbar. Es ist offensichtlich, dass diese Gemeinschaft funktioniert. "Wir treffen uns immer noch regelmäßig", sagt Franke, "aber jetzt zum Feiern".

Der kleinen Isabell gefällt es bei "Gemeinsam ökologisch".

(Foto: Robert Haas)

Zwei andere Gemeinschaften teilen sich mit dem Projekt einen großen Innenhof: Wagnis 4 und "Autofrei wohnen". In der Genossenschaft Wagnis leisten die Bewohner eine Einlage, sind dann quasi "Mieter im eigenen Haus", erzählen Peter Wächter und Walter Schramm, die nachmittags Interessenten ihre Wohnform erklären. Auch sie schätzen den Prozess der Mitsprache: "Und die Wohnung ist dann die Belohnung", sagt Schramm.

Selbstverständlich habe ihre Gemeinschaft da mitgemacht, sagt Anna Hochsieder, eine der internen "Geschäftsführerinnen" der Baugemeinschaft Lindenhof mit 28 Einheiten in der Messestadt Riem - eine Gemeinschaft, die sich ihr Projekt von der "Bürgerbau AG" hat moderieren lassen. "Nur nette Leute" seien da durch die Wohnungen in ihrem Haus spaziert, sagt Hochsieder am Ende. Viele haben gestaunt, dass die Bauzeit ohne Zoff abgegangen sei, dass wirklich alle per Du seien. Den Blick hinter die Fassaden machten sogar Interessenten von außerhalb, aus Grafing: Für solche innovativen Wohnformen gebe es in der Stadt einfach viel mehr Möglichkeiten, meinen sie. Auch eine Gruppe Alleinerziehender ist gemeinsam gekommen und überlegt nun ernsthaft, eine Gemeinschaft oder Genossenschaft zu suchen oder zu gründen.

Natalie Schaller von der Mitbauzentrale hat an die Helfer einen Fragebogen ausgegeben, um Bilanz ziehen zu können. Wenn es überall in der Stadt so gut gelaufen sei wie in ihrem eigenen Projekt, dem "Bauwerk Schwabing" am Ackermannbogen, wo sich bei Kaffee und Kuchen auch nach der Führung in lockerer Atmosphäre gute Gespräche entspannt hätten, dann könne sie sich wirklich vorstellen, so einen Einblick regelmäßig anzubieten, sagt sie. Es entstünden ja laufend neue Projekte.

© SZ vom 28.09.2015
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