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München:Verkehrspolitik wird zur Chefsache

Münchens neuer Oberbürgermeister Dieter Reiter reagiert auf den Gefahren-Atlas der SZ - und will sich verstärkt um Verkehrsthemen kümmern. Wie groß das Konfliktpotenzial in der Innenstadt ist, hat der SPD-Mann nun selbst erlebt.

Von Peter Fahrenholz

Dass ein Politiker bei einem Ortstermin die Probleme hautnah zu spüren bekommt, ist eher selten. Oberbürgermeister Dieter Reiter erlebt am Donnerstagabend live mit, wie schnell die Stimmung eskalieren kann auf einer der schwierigsten Verkehrspassagen Münchens: der Nord-Süd-Querung der Altstadt zwischen Marienplatz und Odeonsplatz. Dort müssen sich Radfahrer, Fußgänger und zum Teil auch Autofahrer eine enge Verkehrsfläche teilen.

Als Reiter auf einem SZ-Spaziergang vom Rathaus zum Odeonsplatz den kritischsten Punkt erreicht, die Engstelle vor dem Spatenhaus gegenüber der Oper, wird er Zeuge, wie sich ein Radler und ein Fußgänger in die Haare geraten. Der Radler pöbelt den Fußgänger an, weil er ihm im Weg ist, der Fußgänger brüllt zurück, weil der Radler viel zu schnell unterwegs war. Plötzlich fliegen zwischen den beiden Herren im gesetzten Alter die Fäuste und Reiter springt mit zwei anderen Passanten beherzt dazwischen, ehe das Ganze in eine wüste Schlägerei ausartet. "Ja, grüß dich Dieter", sagt einer der Kontrahenten, als er den OB erkennt.

Die Strecke zwischen Marienplatz und Odeonsplatz gehört zu jenen Gefahrenstellen, die im Gefahren-Atlas, den es seit drei Wochen auf dem Online-Portal der SZ gibt, von den Lesern immer wieder genannt werden. "Die komplette Strecke Marienplatz - Odeonsplatz ist eine Katastrophe", schreibt einer.

Reiter bekommt auf seinem kurzen Spaziergang immer wieder vor Augen geführt, dass diese Einschätzung der Realität sehr nahekommt. Ob es die Passage hinter dem Rathaus ist, wo auf dem kurzen Stück beim Feinkostgeschäft Dallmayr auch noch Autos parken dürfen und ein Taxistand zusätzliches Verkehrschaos schafft, oder das stark frequentierte Stück bis zur Oper. Ob es die Residenzstraße ist oder der viel zu enge Radweg, der am Odeonsplatz von der Brienner Straße kommend in den Hofgarten mündet: Überall kommt es - vor allem in den Stoßzeiten - nahezu im Sekundentakt zu heiklen Situationen, Beinahe-Kollisionen und verbalen Gefechten zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern.

Reiter will die Verkehrsführung noch in diesem Jahr angehen und dabei alle Betroffenen an einen Tisch bringen. Die erste dieser Runden hat bereits stattgefunden, die zweite ist für Ende September angesetzt. "Wir werden das in diesem Jahr noch lösen", sagt der OB. Reiter schließt dabei auch bauliche Maßnahmen nicht aus.

Reiter rechnet mit Protesten von Geschäftsleuten

Etwa an der Engstelle beim Spatenhaus, wo noch die Überreste der roten Radwegmarkierung übrig geblieben sind, die dort die gesamte freie Fläche einnimmt, so dass für Fußgänger praktisch gar kein Platz mehr ist. "Da muss uns was einfallen", sagt Reiter. Eine Konsequenz könnte sein, die Freischankfläche des Spatenhauses zu verkleinern. Auch die Kritik am Taxistand gegenüber von Dallmayr kann Reiter "hundertprozentig verstehen". Der OB schließt nicht aus, dass der Taxistand an dieser Stelle verschwinden muss, auch wenn dies zu Protesten bei den umliegenden Geschäften führen wird.

Keineswegs wieder einführen will der OB eigens markierte Radlerstreifen, die es bereits einmal gegeben hat. Die roten Streifen hätten dazu geführt, "dass sich die Radler wie auf dem Nürburgring gefühlt haben". Der Vorfall am Spatenhaus ist für Reiter "der Beweis, dass der rote Streifen nicht die Lösung ist". Denn dann "passen die Radfahrer nicht mehr auf".

Der Radweg in der Rosenheimer Straße soll noch 2014 beschlossen werden

Reiter glaubt bei der Verkehrsführung für die Altstadtquerung an das Prinzip der Mischnutzung. Das heißt, die Verkehrsfläche steht Radlern und Fußgängern gemeinsam zur Verfügung. Das funktioniert aber nur, wenn beide Seiten aufeinander Rücksicht nehmen. Doch daran, das zeigt sich auf Reiters Spaziergang, hapert es gewaltig, vor allem auf Seiten der Radfahrer. Überall weisen nämlich Schilder in diesem Bereich darauf hin, dass nur Schritttempo gefahren werden darf, auch wenn diese Schilder viel zu klein sind. Doch die Bereitschaft, diese Vorschrift auch zu befolgen, tendiert bei den Radlern, die während Reiters Spaziergang an ihm vorbeizischen, gegen Null.

"Es gibt sehr viele rücksichtslose Radler", stellt Reiter fest, während eine ältere Fußgängerin am Odeonsplatz erschrocken zur Seite springt, weil ein Radfahrer mit hohem Tempo in die Einfahrt zum Hofgarten schießt. Reiter denkt deshalb darüber nach, die Schilder deutlicher sichtbar zu machen (in der Residenzstraße ist der Hinweis "Schritttempo" auf dem Asphalt kaum noch zu entziffern), und er plädiert auch für ein "Minimum an Kontrollen".

Einen Radl-Joker wird es mit Reiter nicht geben

Oft führt aber auch Unkenntnis zu Konflikten, etwa in der Residenzstraße, wo Fußgänger auch die Fahrbahn begehen dürfen, von Radlern aber häufig aus dem Weg geklingelt werden, schließlich gibt es in diesem Bereich auf beiden Seiten Gehsteige. Die Gehsteige einfach wegzunehmen und eine einheitliche Fläche zu schaffen, schafft aber neue Problemen. Vor allem ältere Leute, sagt Reiter, würden sich einen Gehsteig wünschen, weil sie sich dort sicherer fühlten. "Das ist alles unheimlich schwer zu lösen", sagt der OB über die vielfältigen Probleme auf diesen wenigen hundert Metern.

Reiter will aber die gesamte Verkehrspolitik der Stadt, die bisher stark von den Grünen dominiert wurde, zur Chefsache machen. Er wolle das Thema "ganz nah bei mir haben", sagt der OB. Dabei wird es wohl auch zu deutlichen Akzentverschiebungen kommen.

"Da muss uns was einfallen": OB Dieter Reiter, hier an der engen Stelle in der Residenzstraße.

(Foto: Stephan Rumpf; Stephan Rumpf)

Einen Radl-Joker samt teurer Kampagne wird es unter Reiter nicht mehr geben, "das ist für mich Schaufensterpolitik". Und auch einer generellen Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht, die Radler ermächtigt, auf der Straße zu fahren, auch wenn es daneben einen Radweg gibt, steht Reiter kritisch gegenüber. Wenn ein völlig freier Radweg von den Radlern nicht benützt würde, "steigert dies das Aggressionspotenzial bei den Autofahrern", sagt Reiter.

Bei einem anderen Streitthema ist Reiter hingegen ganz auf Seiten der Grünen. Der Beschluss über den Radweg in der Rosenheimer Straße "kommt noch in diesem Jahr", sagt er. Und zu der umstrittenen Frage, ob dafür eine Fahrspur oder Parkplätze geopfert werden, hat der OB eine klare Meinung: "Das kann nur zu Lasten der Parker gehen." Reiter erwartet eine "spannende Diskussion zwischen CSU und SPD" in dieser Frage. So oder so sei eine Mehrheit für diesen Radweg aber sicher.

© SZ vom 02.08.2014/tba
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