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München:Stiller Schmerz

Die Künstlerin Hanna Strahl will mit ihrer Porträtschau in der Mohr-Villa den Sprachlosen Gesicht und Stimme geben. Als Kunsttherapeutin weiß sie um die Heilwirkung, die der Umgang mit Farben und Pinseln haben kann

Von Nicole Graner

Dieser Blick. Eigentlich möchte man nicht in diese leeren Augen schauen, und doch kann man nicht davon ablassen. Da gibt es keine Pupillen, nur angedeutete Augenbrauen, nur türkise Farbflecken in den Augenhöhlen. Türkis wird in der Farbenlehre oft mit Distanz assoziiert - bei jener Frau, die viel jünger ist, als sie aussieht, passt das. Denn sie geht auf Distanz zum Betrachter, zum Menschen, weil sie schon lange auf Distanz gegangen ist: zu sich selbst. Der Mund ist weit aufgerissen. Vor Angst, vor Schmerz. Es sind Schreie, stille, die sie artikuliert. Keine Worte. Die Gesichtsfarbe ist fahl, ein bisschen orange, ein bisschen rosa. Krank sieht die Haut aus, gläsern.

Künstlerin Hanna Strahl hat alles mit Bedacht gewählt. Wenngleich sie ihre Porträts schnell und in einem Rutsch malt. Zwar skizziert sie noch grob die Gesichter auf grundiertem Grund, aber dann, so sagt sie, "kommt alles aus mir heraus". Denn sie hat die Menschen im Kopf, Menschen, denen sie begegnet ist. So auch der jungen Frau mit den türkisfarbenen Augen, die aus der Drogenszene kommt.

Es ist der Blick in das Innere, der wunde Seelen heilen kann. Wenn man es zulassen, wenn man sich auf irgendeine Art und Weise öffnen kann. Vielleicht auch, wenn man mit einem Pinsel nur Farben sprechen lässt. Die 1947 geborene Künstlerin ist auch Kunsttherapeutin. In den vielen Kursen begegnet sie Menschen - Erwachsenen und Kindern - die ihre Sprache, ihr Selbstbewusstsein verloren haben. "Sie wollen eigentlich nichts erzählen", sagt Strahl. "Sie sind verschlossen und sehen nur Aussichtslosigkeit." Das Malen kann helfen, sich zu öffnen, und sie, so erklärt Strahl, kann helfen zu zeigen: "Du bist etwas wert." Ihre Kursteilnehmer kommen aus allen Schichten, sie haben Persönlichkeitsstörungen oder Selbstmordversuche hinter sich, sie haben Traumata - aber alle schweigen sie, finden sich mit ihrem Schicksal ab.

Leere Augen, der Mund ein stummer Schrei. Es ist, als würde sich das ganze Lebenselend in dem Porträt transportieren, das die Künstlerin von einer jungen Drogenabhängigen geschaffen hat.

(Foto: Hanna Strahl)

Am Herzen liegen Strahl diese Menschen, die ihren Schmerz im Stillen tragen. Und so sind in der Online-Ausstellung "Les Muettes" ("Die Sprachlosen") in der Mohr-Villa vor allem Frauen und Kinder aus den Kunsttherapie-Kursen zu sehen, denen sie mit ihren Bildern ein Gesicht gibt, eine Sprache. Sie sucht die Begegnungen mit den Menschen förmlich. Auf einer Reise in Straßburg zum Beispiel besucht sie obdachlose Frauen. Spricht mit ihnen, schenkt ihnen Aufmerksamkeit. Und verarbeitet alles in ihren großformatigen Acrylarbeiten. Da ist dann auch jenes, fast durchsichtig scheinende Bild einer Frau. Als ob sie hinter einem Gaze-Vorhang liegt, sind ihre Konturen nur schemenhaft auszumachen. Hell und zart sind die Farben. Dünn sind ihre Arme, und das Hemdchen gibt den von Drogen und Krankheit geschundenen Körper frei. "Diese Frau", sagt Strahl leise, "war eigentlich schon auf dem Weg auf die andere Seite."

Hanna Strahl hat Sprachen studiert. Aber das Malen war letztlich ihre Lieblingssprache. Dass der Pinsel irgendwie schon von Kindesbeinen an zu ihr gehörte, ist nicht verwunderlich. Der Großvater war Kammermusiker und Kunstmaler. "Von ihm", so erzählt die Mutter von vier erwachsenen Kindern, "habe ich meinen ersten Öl-Farbe-Kasten geschenkt bekommen." Die Mutter war Maskenbildnerin, malte viele Porträts. Wie Hanna Strahl jetzt. Und gerade hat sie - sie steckt mitten im Umzug - in einem Karton ihre Mappe mit ihren Kinderzeichnungen entdeckt. "Die hebe ich weiter auf. Unbedingt." Spät studierte sie Kunsttherapie in München, gründete eine private Malschule, und als die Kinder aus dem Haus waren, studierte sie an der Akademie Bad Reichenhall Malerei. Angekommen. Und "glücklich", wie sie sagt.

Hanna Strahl hat ihre Ausstellung "Les Muettes" betitelt, was übersetzt "Die Sprachlosen" bedeutet.

(Foto: Yoav Kedem)

Strahl gelingt es, mit wenigen, gezielten Strichen - mal dick aufgetragen, mal ganz filigran - ihren Gesichtern viel Ausdruck zu verleihen. Alles mit einem untrüglichen Gespür für Farbe und ihre Wirkung. Wie Rosa zum Beispiel, das oft im negativen Sinn als die Farbe für geringes Selbstvertrauen gilt, oder Lila, das im Farbspektrum zwischen Blau und Rot liegt. Sie baut kleine, herausstechende Details in ihre Bilder. Ein zerbrochenes Glas, eine Zigarette, alte, abgerissene Tapeten - alles Symbole für kaputte Welten. Ihre Bilder brauchen Raum, sie aus der Nähe zu betrachten, hieße, nur die Kraft ihrer Pinselstriche zu sehen, nicht aber die ganze Einheit.

Aber zurück zu den Blicken der Menschen in Hanna Strahls Bildern. Auch wenn die Augen ihrer Porträtierten meist ins Nichts starren - die Blicke werden spürbar, der Schmerz fühlbar. Sie hinterlassen also Spuren - und genau das ist es ja auch, was Strahl will: Menschen für Menschen sichtbar machen.

"Les Muettes": Ausstellung mit Porträts von Hanna Strahl, Mohr-Villa. Virtuell bis zum 14. März zu sehen auf der Webseite der Mohr-Villa unter www.mohr-villa.de.

© SZ vom 19.02.2021
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