München:Ehemalige Bewohner erheben schwere Vorwürfe gegen SOS-Kinderdorf

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München: Das erste Kinderdorf entstand in Imst in Tirol. 1955 wurde der deutsche Verein SOS-Kinderdorf gegründet, er hat seinen Sitz in München. Das erste deutsche Kinderdorf wurde in den 50er-Jahren in Dießen am Ammersee eröffnet. In einem Haus dort sind die Einrichtungsgegenstände zu Erinnerung so belassen wie sie damals waren. Hier hängt auch dieses Plakat.

Das erste Kinderdorf entstand in Imst in Tirol. 1955 wurde der deutsche Verein SOS-Kinderdorf gegründet, er hat seinen Sitz in München. Das erste deutsche Kinderdorf wurde in den 50er-Jahren in Dießen am Ammersee eröffnet. In einem Haus dort sind die Einrichtungsgegenstände zu Erinnerung so belassen wie sie damals waren. Hier hängt auch dieses Plakat.

(Foto: Catherina Hess)

Zwei Frauen, die als Kinderdorfmütter tätig waren, sollen in ihren Häusern ein Klima der Angst geschaffen haben. Eine Studie berichtet von überzogenen Regeln und Strafen. Viele Angestellte fragen sich nun: Wie konnte das bloß passieren?

Von Bernd Kastner

Im Kosmos der SOS-Kinderdörfer gibt es zwei Welten. Da ist die helle, heile Welt. In ihr lachen auf bunten Bildern fröhliche Kinder, da kommen Prominente zu Besuch, und viele Menschen spenden viele Millionen Euro, weil der in München ansässige Verein SOS-Kinderdorf ein so gutes Image hat. Tausende Mitarbeiter kümmern sich oft mit großem Einsatz um sehr viele Kinder, die aus prekären Verhältnissen kommen und nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. Es existiert aber offenbar auch eine zweite Welt, von ihr weiß kaum jemand. In ihr soll es Mädchen und Jungen nicht gut gegangen sein, obwohl sie in einem Kinderdorf lebten. Sie sollen zu Beginn der 2000er-Jahre unter körperlicher und psychischer Gewalt gelitten haben. Es sei ihnen "Leid widerfahren", räumt der Verein ein und verspricht Besserung.

Wie groß und wie dunkel ist diese unbekannte SOS-Welt?

Ehemalige Bewohner eines SOS-Kinderdorfes in Deutschland erheben schwere Vorwürfe gegen zwei Frauen, die als sogenannte Kinderdorfmütter tätig waren. Sie sollen in ihren Kinderdorffamilien mit überzogenen Regeln und Strafen ein Klima der Angst unter den ihnen anvertrauten Mädchen und Jungen geschaffen haben. Berichtet wird von Einsperren im Keller oder vom Schlafen ohne Matratze auf einem Lattenrost. Eine der Frauen soll auch die Schamgrenzen der Kinder regelmäßig verletzt haben. Zudem gibt es Hinweise auf ein Versagen des Kinderschutzsystems: Mehrere Mitarbeitende in dem betroffenen Kinderdorf sollen von den Methoden zumindest teilweise gewusst haben, eingegriffen hat offenbar niemand.

Der Verein SOS-Kinderdorf hat am Freitag diese Vorwürfe, die sich auf die Zeit zwischen den frühen 2000er-Jahren und etwa 2015 beziehen, selbst veröffentlicht. Ein früherer Bewohner des Kinderdorfs berichtet der SZ, dass er 10 000 Euro erhalten habe - SOS-Kinderdorf nennt dies "Zahlung in Anerkennung des Leids". Dieser junge Mann hat im Sommer Strafanzeige gestellt. Laut einem Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft habe man die Polizei mit Ermittlungen beauftragt.

Es waren ehemals Betreute selbst, die sich im vergangenen Jahr an die Anlaufstelle "für kindeswohlgefährdende Grenzüberschreitungen" im Verein wandten und erzählten. Daraufhin beauftragte die SOS-Leitung im Oktober 2020 den Münchner Sozialpsychologen Heiner Keupp, 78, emeritierter Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität und renommierter Experte für die Aufarbeitung von Missbrauch, mit einer Untersuchung. Sein Ende August fertiggestellter Bericht umfasst gut 80 Seiten, veröffentlicht wurde eine Zusammenfassung von sieben Seiten.

Darin skizziert Keupp, was ihm ehemalige Kinderdorfkinder berichtet hätten. In einer Familie hätten die Kinder beispielsweise beim Essen nicht trinken dürfen; taten sie es doch, habe ihre Kinderdorfmutter sie an den Haaren gepackt und ihre Köpfe aneinandergeschlagen. Selbst bei kleinen Regelverstößen sei Kindern die Matratze weggenommen worden, sie hätten auf dem Lattenrost schlafen müssen. Wenn Kinder nicht aufaßen, sei es vorgekommen, dass die Reste püriert worden seien, das Ergebnis habe dann getrunken werden müssen.

Über den Alltag in der anderen damaligen Kinderdorffamilie schreibt Keupp: "Angst zu schüren, war ein bevorzugtes Mittel, um Kinder zu disziplinieren." So sei etwa mit dem Krampus, der "böse Kinder" mitnehme, gedroht worden. Rund um die Mahlzeiten seien von der Mutter zahlreiche "Zwangsmaßnahmen verfügt" worden. Eine Strafe sei gewesen, dass die Kinder oft auf einer der untersten Stufen der Kellertreppe hätten sitzen müssen, eine Steigerung sei das "Eingesperrtwerden in den Heizungskeller bei ausgeschalteter Beleuchtung" gewesen. Ohrfeigen und auch an den Haaren ziehen hätten "zum Erziehungsrepertoire" gehört.

Zu Geburtstagen und Weihnachten seien Geschenke vorenthalten worden. In dieser Familie soll die Kinderdorfmutter zudem die Schamgrenzen der Kinder überschritten haben. Dies soll bei Wasch- und Duschritualen geschehen sein. Das ehemalige Kinderdorfkind, das die Anzeige gestellt hat, bestätigt der SZ die Vorwürfe. Seine Erinnerungen hat der junge Mann auf sechs Seiten zusammengeschrieben, sie liegen der SZ vor.

Über die Häufigkeit der Vorkommnisse macht Keupp in seinem Bericht keine Angaben. Er gehe aber davon aus, dass die Strafen regelmäßig verhängt worden seien, sagt er auf Nachfrage. Fünf Personen habe er interviewt, die in der fraglichen Zeit in den beiden Familien lebten; zudem habe er mit drei weiteren ehemals Betreuten und 30 anderen Personen aus dem Verein gesprochen, zudem Gesprächsprotokolle und den Bericht des jungen Mannes ausgewertet.

Keupp sowie der Verein werten die Berichte der Befragten als glaubhaft. "Die Befundlage zu den beiden Kinderdorfmüttern ist eindeutig", schreibt Keupp. Er und auch SOS werten die berichteten Straf maßnahmen als kindeswohlgefährdend. Die Vorwürfe seien auch von damaligen Mitarbeitern in dem betroffenen Kinderdorf in Gesprächen mit ihm "eingeräumt und bestätigt" worden, so Keupp.

Zu den beiden beschuldigten Frauen finden sich keine näheren Angaben in der veröffentlichten Zusammenfassung, auch fehlt eine Stellungnahme von ihnen. Beide arbeiten nach SZ-Informationen seit rund zehn Jahren nicht mehr für SOS-Kinderdorf. Die eine soll mit einem Aufhebungsvertrag, die andere regulär in Rente gegangen sein. Laut Keupp ist eine der beiden Frauen nicht erreichbar gewesen; mit der anderen habe es ein Gespräch gegeben, dabei sei es aber "nicht möglich" gewesen, "die konkreten Geschehnisse und Anschuldigungen zu thematisieren". Somit fehlt bisher die Darstellung des Lebens in den Kinderdorffamilien aus Sicht der beiden Frauen. Die SZ verzichtet darauf, das im Fokus stehende Kinderdorf zu nennen, um die Persönlichkeitsrechte der Betreuten und der Frauen zu wahren.

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