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Zwischenfall auf Anti-Siko-Demo:"Er hatte seinen Tod fest eingeplant"

Demo gegen Sicherheitskonferenz: Mensch übergießt sich nahe Demo in München mit Benzin

Direkt neben der Kundgebung wird der Mann ärztlich versorgt.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

Polizisten überwältigen in München einen Mann, der sich mit Benzin übergießt und anzünden will. Inmitten einer Kundgebung von Kriegsgegnern verhindern die Beamten eine Katastrophe. So haben sie den Vorfall erlebt.

Es ging um Sekunden. Die Protestkundgebung gegen die Münchner Sicherheitskonferenz ist am Samstagnachmittag nur knapp einer Katastrophe entgangen. Mitten auf dem zu diesem Zeitpunkt mit 2000 Kriegsgegnern gefüllten Stachus hat ein Mann versucht, sich selbst zu verbrennen. Polizisten des Münchner Unterstützungskommandos (USK) sprangen dazwischen und überwältigten den 50-Jährigen, der sich bereits mehr als drei Liter Benzin aus einem Kanister über Kopf und Körper geschüttet hatte und der ein Feuerzeug in der linken Hand hielt.

"Er hatte seinen Tod fest eingeplant", bestätigt einer der Beamten am Sonntag. Der aus dem Irak stammende Münchner wollte gegen den Krieg in seinem Heimatland protestieren: Einen anderen Weg, wahrgenommen zu werden, habe er nicht gesehen. Er wurde nach Polizeiangaben in eine psychiatrische Klinik gebracht.

USK Beamte greifen in München ein, also sich ein Iraker bei der SIKO-Demo 2020 selbst anzünden will.

Diese Polizisten griffen ein, als sich ein Mann am Stachus selbst anzünden wollte.

(Foto: Martin Bernstein)

Benjamin B. ist 38 Jahre alt. "Es war das Lebensbedrohlichste, was mir in 16 Jahren passiert ist", sagt der USK-Gruppenführer. Mit seinen sechs Kollegen steht er am Samstag am U-Bahn-Abgang nahe dem Kino "Gloria-Palast". Routineeinsatz bei der Anti-Siko-Demo, so glauben sie. Plötzlich Schreie. Die Beamten sehen einen Mann, der einen blauen Kanister über dem Kopf hält, eine Flüssigkeit über sich gießt und in die Menschenmenge läuft.

"Lass es Wasser sein", habe er sich noch gedacht, gesteht einer der Beamten. Doch dann erfüllt beißender Benzingestank die Luft. Die Abläufe, die die Männer seit Jahren wieder und wieder üben, sie funktionieren. Benjamin B. hechtet auf den Unbekannten, reißt ihn zu Boden. Feuerzeug und Benzinkanister fliegen davon. Zwei weitere USK-Beamte stürzen hinzu, fixieren Arme und Beine des Mannes. "Jeder weiß, wo er hingreifen muss." Andere aus der Gruppe umringen die Stelle. Noch ist ja nicht klar, ob der Unbekannte allein ist. Ein Attentat? Alles scheint möglich in diesem Moment.

"Ich habe keine anderen Menschen verletzen wollen", sagt der Überwältigte den Beamten später immer wieder. Doch sie wissen, was passieren kann, wenn so viel Benzin verpufft oder ein Mensch mit brennenden Kleidern durch die Menge rennt. Einige der Umstehenden wissen das nicht. Sie sehen aber, wie Uniformierte auf einem am Boden liegenden Mann knien und ihn danach in einen nahen Innenhof wegschleppen. Mehrere Demonstranten protestieren lautstark. Sie ahnen nicht, dass Benjamin B., Helmut W., Tobias S. und ihre vier Kollegen ihnen und dem Mann wohl gerade das Leben gerettet haben.

Die Kundgebung geht derweil weiter, kaum jemand hat etwas bemerkt. Die Kleidung des Mannes, aber auch die Uniformen der Polizisten sind mit Benzin durchtränkt, eine große Benzinlache hat sich auf dem Boden gebildet. Demonstranten reichen Wasser, um das Benzin zu verdünnen, der 50-Jährige wird ärztlich versorgt. Was ihn zu seiner Verzweiflungstat getrieben hat, ist auch am Sonntag nicht restlos geklärt. Der Mann hatte ein selbstgemaltes Plakat gegen den Krieg im Irak dabei. Der 50-Jährige ist schon 2001 nach Deutschland gekommen, sein Aufenthalt ist unbefristet.

Anmerkung der Redaktion:

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in der Regel nicht über Suizide und versuchte Selbsttötungen, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Erste Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen ist die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800/1110111 oder 0800/1110222 erhalten Betroffene Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

© SZ vom 17.02.2020/mmo
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