Schulden-Atlas für München:Die Angst vor dem "Nachzahlungsschock"

Schulden-Atlas für München: Weil bislang keine höheren Vorauszahlungen auf die Energiekosten geleistet worden seien, könnten zahlreiche Verbraucher in Zahlungsschwierigkeiten geraten, warnen Experten der Creditreform.

Weil bislang keine höheren Vorauszahlungen auf die Energiekosten geleistet worden seien, könnten zahlreiche Verbraucher in Zahlungsschwierigkeiten geraten, warnen Experten der Creditreform.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Während der Pandemie haben die Münchner gespart und Schulden abgebaut. Doch schon bald dürften Energiekrise und Inflation selbst in der Mittelschicht durchschlagen, fürchten Experten. Welche Viertel schon jetzt besonders betroffen sind.

Von Sven Loerzer

Auf den ersten Blick erscheint es paradox: Die Überschuldung von Münchner Verbrauchern ist im vergangenen Jahr erneut zurückgegangen. Der Creditreform-Schuldneratlas weist für Ende 2022 noch 92 058 Münchnerinnen und Münchner als überschuldet aus, das sind rund 6400 weniger als noch ein Jahr zuvor. Mit 7,4 Prozent liegt die Überschuldungsquote für München auf dem niedrigsten Stand seit mehr als 15 Jahren.

"Die Pandemie wirkte als Katalysator für einen völlig unerwarteten Effekt", erklärte Philipp Ganzmüller, Geschäftsführer von Creditreform München, bei der Vorstellung des Zahlenwerks im Presseclub. "Während der Corona-Zeit haben die Verbraucher weniger konsumiert und so Überschuldungsprozesse vermieden." Die "multiplen Krisen", wie etwa der Ukraine-Krieg, die Energiepreisexplosion und die Inflation, aber hätten "noch nicht zu Verwerfungen geführt", sagte Ganzmüller, ihre Auswirkungen schlagen sich erst auf längere Sicht nieder. Für das laufende Jahr prognostizierte er eine Umkehr des Trends: "Die Überschuldung wird wieder steigen."

Im Jahr 2021 sank die Schuldnerquote in der Landeshauptstadt um 0,9 Prozentpunkte, 2022 nochmals um 0,5 Prozentpunkte. "Die Hiobsbotschaften zu Beginn der Pandemie haben sich nicht bewahrheitet", räumte Ganzmüller ein. Die Verbraucher hätten in der Pandemie sehr vernünftig gehandelt, "sie durften und wollten nicht konsumieren", hätten Erspartes in den Abbau von Überschuldung gesteckt, dazu seien staatliche Hilfen ungeahnten Ausmaßes gekommen. Dagegen hätten die massive Energiepreisexplosion und die finanziellen Mehrbelastungen zumindest bis Ende 2022 kaum Einfluss auf die Überschuldungssituation gehabt. Für Ganzmüller ist das aber kein Grund zur Entwarnung.

Beunruhigend sei, dass die Preissteigerungen sehr drastisch seien und auch die Mittelschicht in Bedrängnis brächten. Die hohe Inflation bedrohe die Zahlungsfähigkeit vieler Verbraucherinnen und Verbraucher, die Realeinkommen seien 2022 deutlich gesunken. Ganzmüller rechnet deshalb damit, dass die Überschuldung wieder auf mehr als 100 000 Betroffene steigen wird. Noch sei nicht absehbar, wie sich die Energiepreisbremse auswirken werde, die unglaublich viel Geld koste, aber sicher angezeigt sei. Ganzmüller geht davon aus, dass der "Nachzahlungsschock" bei den Energie- und Heizkosten erst noch kommt, zumal meist bislang keine höheren Vorauszahlungen geleistet wurden. Zahlreiche Verbraucher könnten dadurch in Zahlungsschwierigkeiten geraten.

Männer sind traditionell doppelt so stark verschuldet wie Frauen

Dazu kämen dann auch höhere Preise von Dienstleistern, die wiederum den Anstieg ihrer Kosten weiterreichen. Deshalb werde es "trotz der Gaspreisbremse eine problematische Phase geben, weil auch sonstige Kosten steigen". Das bringe viele Menschen in Bedrängnis. Positiv wertete Ganzmüller, dass sich Konjunktur und Arbeitsmarkt als deutlich robuster erweisen als erwartet. Arbeitslosigkeit zähle zu den Hauptrisiken für Überschuldung. "So lange die Menschen in Lohn und Brot bleiben, ist die Lage gut."

Mit einer Schuldnerquote von 7,4 Prozent - Höchststand war 2007 mit zehn Prozent - schneidet München günstiger ab, als im Bundesdurchschnitt (8,5 Prozent), aber schlechter als Bayern (6,1 Prozent). "Die Städte bleiben der Brennpunkt der Überschuldungssituation", betont Ganzmüller. Eichstätt sei mit 3,6 Prozent der Kreis mit der geringsten Schuldnerquote in Bayern, die Erklärung dafür laute vereinfacht: "Da wohnt Audi." Negativer Spitzenreiter sei Hof mit 13,4 Prozent, eine Stadt, die stark unter dem Strukturwandel leide.

In München hat im vergangenen Jahr die Schuldnerquote in allen Stadtteilen deutlich abgenommen. Am stärksten gesunken, um 1,2 Prozentpunkte, ist die Quote in der Altstadt. Allerdings bleibt das Viertel mit 12,6 Prozent der Spitzenreiter, wie schon in den Jahren zuvor. Dicht danach dann Am Hart (11,9 Prozent), Ramersdorf (11,1 Prozent) und Milbertshofen (10,3 Prozent). Warum die Altstadt seit Jahren die höchste Quote hat, verwundert auch die Experten. "Es sind vor allem Senioren, die hier noch leben", vermutete Ganzmüller. Gerade sie seien in München überdurchschnittlich überschuldet. Die geringste Schuldnerquote aller Stadtviertel hat weiterhin Obermenzing (4,1 Prozent).

Auch bei der Geschlechterverteilung zeigen sich kaum Veränderungen, "die Männer sind traditionell doppelt so stark verschuldet wie die Frauen", erklärte Ganzmüller, "aber die Frauen holen auf". Für die Münchner Männer liegt die Quote bei 9,6 Prozent, für die Frauen bei 4,8 Prozent.

Mehr als 100 000 Menschen in München beziehen staatliche Sozialleistungen, sagte Marc Wichlajew, Leiter der städtischen Schuldner- und Insolvenzberatung. Jede sechste Person lebt unter der Armutsschwelle, insgesamt betroffen davon sind 266 000 Personen. Die Überschuldung sei in jenen Vierteln am größten, wo auch die Armut überdurchschnittlich hoch sei. Besonders betroffen von Armut seien Alleinerziehende, Familien mit drei oder mehr Kindern, Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen. Seit 2016 sei die Zahl der Personen, die Grundsicherung im Alter beziehen, um 2500 auf 17 000 gestiegen.

Auch wenn die Überschuldungszahlen 2022 noch gesunken seien, rechneten die Experten der Schuldnerberatung mit einer Steigerung in diesem Jahr. Die Anfragen seien komplexer und existenzbedrohlicher, die "Verunsicherung bei Ratsuchenden ist sehr groß", sagte Wichlajew, weshalb viele Ausgaben verschoben würden.

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