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Prozess:Lebensgefährlicher Streit über Sauce

Ein Mann sticht einen Bekannten nieder und steht nun vor Gericht

Von Lea Arbinger

Heinrich S. ist ein kleiner, schmächtiger Mann mit kurzem Vollbart und kahlrasiertem Kopf. Unter dem Ärmel seiner blauen Gefängnisjacke blitzen mehrere Tattoos hervor. Er wird in Handschellen und von zwei Polizisten flankiert in den Saal B 175 des Strafjustizzentrums an der Nymphenburger Straße geführt. Er soll im Januar dieses Jahres versucht haben, seinen Bekannten Andreas C. mit vier Stichen in den Rücken mit einem Küchenmesser zu töten. Der Auslöser laut Anklageschrift: der Schärfegrad einer Sauce.

Das Leben von S. ist geprägt von Drogen- und Alkoholmissbrauch und Haftstrafen. Bereits in der Grundschule sei er in Schlägereien verwickelt gewesen, berichtet ein Psychiater. In der fünften Klasse habe er zum ersten Mal Haschisch geraucht, er trinke, seit er zehn Jahre alt ist, in der achten Klasse habe er sich erstmals Heroin gespritzt. Schon als Kind sei er leicht reizbar, zappelig und unruhig gewesen. Als Teenager wurde er erstmals aktenkundig. Das Gutachten einer Psychologin bescheinigt ihm dissoziale und psychopathische Persönlichkeitszüge. Seit Beendigung seiner Ausbildung ist der gelernte Bauspengler die meiste Zeit arbeitslos oder in Haft, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und Diebstahl. Gewohnt hat er zuletzt in einem angemieteten Wohnwagen in Lochhausen - dort soll auch der versuchte Mord stattgefunden haben.

S. erzählt das alles am Donnerstagvormittag nicht selbst der Vorsitzenden Richterin der ersten Strafkammer. "Ich bin dazu nicht fähig, ich kann der Verhandlung nicht folgen." Vor zwei Wochen sei sein Vater gestorben, verarbeitet habe er das noch nicht: "Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich bin nicht fähig, checken Sie das nicht?" Der 52-Jährige legt den Kopf auf die verschränkten Hände, schluchzt und bleibt dabei: Er wird an diesem Verhandlungstag nichts zur Sache sagen.

Wer aber etwas sagt, ist Andreas C. Zunächst begrüßen sich die beiden, lächeln sich an. Mit der Aussage des 46-Jährigen ändert sich das. Immer wieder unterbricht Heinrich S. die Erzählung, wird ausfallend und widerspricht Andreas C. Im Gerichtssaal kommt es zu einem kurzen Streit. "Wir haben gekocht und ich habe gesagt, dass ich nicht gerne scharf esse", erzählt C. Weil der Angeklagte trotzdem eine Flasche Tabasco in das Essen geschüttet haben soll, kam es zum Streit. Er, Andreas C., habe Heinrich S. dann ins Gesicht geschlagen, "ich habe aber von ihm abgelassen und mich umgedreht". Kurz darauf habe er gespürt, wie mit einem Messer von hinten auf ihn eingestochen wird. Einen weiteren Messerstich in die Brust habe er verhindern können. Ein Bekannter habe ihm geholfen, den Wohnwagen zu verlassen und den Krankenwagen zu rufen. "Ich war schockiert - ich bin es heute noch. Wenn jemand hinter mir ist, zucke ich heute noch zusammen und drehe mich um." Die Verhandlung wird am 26. November fortgesetzt.

© SZ vom 20.11.2020/van
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