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München:Mehr als Fußnoten der Geschichte

Die Jahreshefte des Pasinger Archivs machen Vergangenheit lebendig. Nun ist die 40. Ausgabe erschienen

Von Jutta Czeguhn

Rostig und ein wenig zerbeult hockt sie da auf der Kommode, die türkisfarbene Dose mit der Aufschrift "Feinste Bismarck-Heringe". Es soll sich 1871, im Jahr der Reichsgründung, zugetragen haben, dass Otto von Bismarck sich der glühenden Verehrung eines Stralsunder Fischkonservenfabrikanten nicht erwehren konnte. Er erlaubte jenem also, die Heringe fortan verkaufsfördernd nach ihm zu labeln. In der guten Bürostube des Pasinger Archivs im Ebenböckhaus ist der ramponierte Fischbehälter ein eher unscheinbares Exemplar unter einer Vielzahl schöner Sammlerstücke. Und doch erinnert der alte Blechbehälter an die wohl kurioseste Geschichte, die den Stadtteil-Archivaren in all den Jahren untergekommen ist - ein Beinahe-Krimi, in dem sie so etwas wie die Ermittler waren: die Wiederauffindung der gestohlenen Bismarck-Skulptur.

Zum vierzigjährigen Bestehen des Vereins stand nun also ein Besuch auf Abstand in den beiden Archiv-Räumen der historischen Ebenböckvilla an. Die waren heuer zumeist verwaist, denn obwohl sie sich intensiv in der Welt von gestern bewegen, sind die Stadtteilhistoriker um Thomas Hasselwander Menschen des Digitalzeitalters. So ist die aktuelle, nunmehr 40. Jahrespublikation des Pasinger Archivs komplett im Home-Office entstanden, via Datentransfer, Video- und Telefonkonferenzen. Technisch auf der Höhe der Zeit waren sie allerdings schon immer: Stolz präsentiert Archivleiter Hasselwander einen Commodore C64, sündteuer damals. Der Rosetta Stone der Heimcomputer thront oben auf einer Schrankwand. "Wir hatten noch nicht einmal eine Software dafür, die mussten wir uns selber schreiben", erinnert sich der 67-Jährige nicht ohne nostalgische Anwandlungen an so entschwundene Phänomene wie die Floppy Disk.

Wenn man schon mal auf Zeitreise ist: die Ursprünge des Pasinger Archivs reichen gar noch weiter zurück als 1971, als Sony diese Datenträger erfand. 1963 war es, da setzten sich Thomas Hasselwander und sein Onkel Helmut Ebert aufs Fahrrad, um gemeinsam Pasing zu erkunden. Gerade war am Bahnhofsplatz die Diamalt-Fabrik abgebrochen worden. Die beiden zogen los mit dem damals noch etwas vagen Vorsatz, fotografisch die Veränderungen im Viertel zu dokumentieren. Das Album, das auf diese Weise entstand, füllte sich rasch und rascher, denn immer wieder wurden Onkel und Neffe eingeladen von Pasingern und Obermenzingern. Sie bekamen alte Familienfotos überlassen, Dokumente, Dinge, die auf Speichern verstaubten. Die Sache mit diesen Zufallsfunden, die vor einem schrecklichen Ende im Sperrmüllcontainer gerettet werden, ist laut Hasselwander heute übrigens immer noch so.

Im Oktober 1981 kam es zur Gründung des Pasingers Archivs als gemeinnütziger Verein. Die erste Ausgabe der Archiv-Hefte entstand 1982, noch auf der Schreibmaschine. 40 Jahre? Jubiläum? Wer jetzt zurecht den Finger hebt, dass da etwas durcheinander gekommen sein muss: Die Archivare haben eine eigene Zeitrechnung. Weil Heft 1 so stark nachgefragt wurde, erschien noch im gleichen Jahr, im Herbst '82, Band 2. So ist es bis heute geblieben, die Jubiläumsausgabe 2021 ist also bereits jetzt auf dem Markt.

DIN-A5, nie mehr als etwas über hundert Seiten, Vorwort, Nachwort, zudem eine Art Abrisskalender eines Jahres mit Schlagzeilen und Anzeigenschnipseln aus der längst vergilbten Pasinger Zeitung. Dazwischen Geschichten und Geschichterl. An Konzept und Erscheinungsbild der Schriftenreihe hat sich in all den Jahren kaum etwas geändert, abgesehen von der Farbe, die munter den Regenbogen durchwandert. "Wir orientieren uns da immer an den aktuellen Cover-Farbtrends der Frankfurter Buchmesse, hochwissenschaftlich also", sagt Hasselwander, als er vor dem bunten Regal mit den Jahrgängen steht. "Ich gebe zu, sie kommen etwas hausbacken daher", gesteht er, aber wozu etwas ändern an der"Si Ei", der Corporate Identity, des Archivs. Augenzwinkern, aber eigentlich meint es Hasselwander ernst.

Auch wenn das Archiv schon recht früh eine Homepage hatte, dort aber aus Datenschutzgründen nicht interaktiv werden will und kann - treu geblieben sind die Archivler nicht nur ihrem Design, sondern auch der Art, wie sie ihre Geschichten erzählen. Der Zeitraum, den sie überblicken wollen, soll nicht weiter als 120 bis 150 Jahre zurückreichen. Denn abgesehen vom Recherchieren in Archiven, vom Quellenstudium, ist ihnen Feldforschung, die sogenannte Oral History wichtig, also Gespräche mit Menschen, mit den Nachfahren derjenigen, über die sie schreiben. Thomas Hasselwander selbst etwa ist ein Ururgroßneffe des Architekten August Exter, dem Pasing seine Villenkolonie verdankt. Vor allem sollen die Texte lesbar sein, das hatten sich Hasselwander und Helmut Ebert, der 2011 starb, stets vorgenommen.

Bismarck im Bürgerdialog

Am 1. April 1914, dem 101. Geburtstag Otto von Bismarcks, wurde die kleine Reiterstatuette auf dem Brunnen am Wensauerplatz feierlich enthüllt. Die Imposanz des Denkmals - der Preuße hält die Zügel eines sich aufbäumenden Pferdes - liegt nicht im Monumentalismus, ist die Skulptur doch nicht mal einen halben Meter groß. Trotzdem prägt sie den Platz nördlich des Pasinger Bahnhofs, sieht man von jenen Jahren ab, in der sie als Hehlerware in einer Germeringer Garage verbrachte. Denkmäler, mit denen Bismarck gehuldigt wird, können heute nicht mehr als nur historischer Zierrat im Stadtraum verstanden werden, sind sie doch, wie im Fall Bismarcks, Zeugnisse einer verdrängten deutschen Kolonialgeschichte. Im Zuge der Debatten um Rassismus und Dekolonisierung wollen die Pasinger SPD und der Ortsverband Pasing-Aubing der Grünen zusammen mit der Grünen Jugend München und den Jusos eine Diskussion über das Denkmal am Wensauerplatz anstoßen. Sie tun dies im Rahmen der Online-Veranstaltung "Bürger:innen-Dialog Bismarckbrunnen", die am Sonntag, 22. November, von 15 bis 17 Uhr stattfindet. Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kultur, Geschichte, Stadt- und Rassismusforschung werden Impulse einbringen, die Bevölkerung soll ebenfalls zu Wort kommen. Anmeldungen bis spätestens zum Vortag, Samstag, 21. November, unter vorstand@gruene-muenchen-pasing.de oder spdinfo@spd-pasing.de. Angemeldete Teilnehmer erhalten den Link zur Zoom-Veranstaltung per E-Mail. czg

Im aktuellen, rubinfarbenen Heft Nummer 40 wollen die Autoren hoch hinaus, die Leserschaft erfährt in Wort und Bild Wissenswertes über Pasinger Schornsteine. Natürlich geht es um längst verschwundene Zeugnisse einer einst beeindruckenden Pasinger Industrie-Epoche. Auch der letzten Fahrt der Pasinger Postkutsche - das war im Jahr 1934 - kann man lesend hinterherwinken. Viel Interessantes, mitunter Kurioses, vom Dunkel der Geschichte längst Verschlucktes haben die Ortschronisten in all den Jahren ans Tageslicht gefördert, dabei nie den Alltag der Menschen aus dem Blick gelassen. Man erfährt, wie die Markenbutter nach Pasing kam oder die Allgemeine Ortskrankenkasse, dass Pasing einst Zentrum der deutschen Esperanto-Bewegung war, dass es hier Mühlen und Badeanstalten gab, eine eigene Volksoper, ein Casino ohne Glücksspiel, tollkühne Flieger, Blutegelhändler, aber auch Nazischergen und Widerständler. Die dunklen Kapitel des vergangenen Jahrhunderts werden nicht ausgeblendet.

Seit beinahe 30 Jahren genießen es die Achivler, dass ihnen die Landeshauptstadt Räume in der 1865 erbauten Stadtvilla des Wachsziehers und Lebzelters Matthias Ebenböck überlässt. Mietfrei, das allerdings sei die einzige Förderung, so Thomas Hasselwander, welche der Verein erfahre. Einnahmen generiert das Archiv allein durch den Verkauf der Hefte, 11,29 Euro das Exemplar, erhältlich in Buchhandlungen. Mitgliedsbeiträge gibt es nicht, und auch keine stille Mitgliedschaft. Alle 15 Archivler haben ihre Aufgaben. Auch über Nachwuchsmangel kann Thomas Hasselwander nicht klagen, denn der Verein will keinesfalls wachsen. Und auch sein Ende eines Tages ist bereits in den Statuten geregelt. Löst sich der Verein auf, dann wird das Stadtarchiv alles bekommen.

Doch noch ist da, im 40. Jahr, kein Drandenken. In den beiden Archivräumen im Parterre des Ebenböckhauses steht nicht nur ein Schreibtisch, es lagern in Schränken und Vitrinen auch viele Relikte aus dem Besitz längst verschwundener Firmen wie etwa die legendäre Messerputzmaschine der Ritterwerke, Zeugnisbände des Instituts der Englischen Fräulein, Fotoalben und Gemälde, Zeitungsbände. Zu Normalzeiten empfängt das Archiv Besuchergruppen, Schulklassen, ist Ansprechpartner für politische Gremien, Bauherrn und Institutionen. Aber für auch Menschen, die mit speziellen Anliegen kommen, für die ein Eintrag in einem der Verzeichnisse mehr ist als nur eine Fußnote in der Pasinger Geschichte. Einmal etwa konnte das Archiv einem Herren aus London helfen. Der plante ein großes Familientreffen und war auf der Suche nach verschollenen Verwandten. Über die Bande Pasing führte die Spur nach Florida. Manchmal liefert Thomas Hasselwander die Jahreshefte auch persönlich aus, etwa zu zwei greisen ehemaligen Pasingerinnen nach Melbourne, Australien.

Und dann gibt es noch jene seltsame Geschichte um die Bismarck-Statue vom Wensauerplatz zu erzählen. An diese skurrile Episode hat man sich im Stadtviertel nun wieder erinnert, da das Denkmal des einstigen Reichskanzlers im Zuge der Anti-Kolonialismus-Debatte kritisch betrachtet werden soll. 1984 war das kleine Reiterstandbild bei Nacht und Nebel verschwunden. Und im Germeringer Ortsteil Nebel, erzählt Hasselwander, habe man den Original-Bismarck in einer Garage, mit Farbe versilbert, wieder zu Gesicht bekommen. Zuvor hatte sich beim Archiv ein Mensch gemeldet, der den "Flohmarktfund" auf Ebay versteigern wollte und sich von den Ortshistorikern eine gewinnsteigernde Expertise erhoffte. Die bekam er, allerdings lief dann alles anders, als gedacht. Wie die "Hehlerware" Bismarck zum Wensauerplatz zurückfand, diese abenteuerliche Story kann man im Jahresheft 2008 des Pasinger Archivs nachlesen. Und die ganze Geschichte hat rein gar nichts zu tun mit der zerbeulten Bismarck-Hering-Dose.

© SZ vom 20.11.2020

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