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Zum Tod von Mariss Jansons: Er liebte die Menschen, und die Menschen liebten ihn

Der Dirigent war nicht nur ein großartiger und leidenschaftlicher Musiker. Bis zu seinem Tod war er immer auch sozial engagiert - was München sehr gut tat.

Mariss Jansons dachte bis zuletzt an die Zukunft. Im Sommer 2018 verlängerte er seinen Vertrag als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks bis ins Jahr 2024. Aber das war nur eine Zahl. Wichtiger waren der Geist, das Herz und die Leidenschaft, mit der er diese Zeit erfüllen wollte. Und da ging es Jansons immer auch um mehr als die Musik. Für die verzehrte er sich ohnehin. Aber Zukunft war für ihn auch soziales Engagement, waren die Benefizkonzerte für den SZ-Adventskalender, waren Auftritte wie die zusammen mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter auf einem Spielplatz im Münchner Stadtteil Hasenbergl. Jansons wusste trotz seiner allergrößten Bescheidenheit, dass er eine Strahlkraft und eine Bedeutung hatte, mit der er etwas bewirken konnte. Das wollte er auch.

Nie hat er den Konzertsaal, den sein BR-Orchester bekommen sollte, als einen Saal für sich selbst begriffen. Mit größter Gelassenheit nahm er sich selbst bis zuletzt aus dieser Frage aus. Wichtig war allein, dass dieser Saal, für den er seit seinem Münchner Antritt im Jahr 2003 kämpfte, auch gebaut wird. Um die Zukunft des von ihm geliebten Orchesters zu sichern, auch ohne ihn. Dafür überredete er Politiker, ließ nie locker, auch wenn es zwischenzeitlich so aussah, als würde aus seinem Lebenstraum doch nichts werden. Aber seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus.

Und wenn kein Argument mehr half, dann war da noch sein Charme. Er liebte die Menschen, und die Menschen liebten ihn. Jedes Konzert, das er dirigierte, egal wo auf der Welt, war auch deshalb bis auf den letzten Platz ausverkauft, weil die Menschen, die der Unabdingbarkeit seines Musizierens lauschten, stets auch seine Aura mitspürten. Und genauso spürten, dass seine Musiker und Musikerinnen ihn liebten. So sehr, dass niemand daran denken wollte, dass es einmal eine Zeit ohne ihn geben könnte. Wer auch immer Mariss Jansons' Erbe beim BR antreten wird, er wird auch diese Liebe erben können müssen. Vielleicht wird es Daniel Harding sein - mit ihm verbrachte das Orchester einmal drei sehr gelungene Wochen in China.

Aber erst einmal herrscht das Gefühl vor, dass sich jeder Gedanke an die Nachfolge zum jetzigen Zeitpunkt verbietet. Jansons' Tod beendet ja viel mehr als eine Arbeitsbeziehung. Nie mehr kann man nun nach einem Konzert im Dirigierzimmer den zarten, durchgeschwitzten Körper umarmen. Nach jedem Konzert war Jansons wie ausgemergelt, aber fast immer strahlend glücklich. In diesen Momenten wusste man, dieser Mann kann nicht anders, als Musik und Musikmachen bis zur Selbstaufgabe zu lieben.

Auch wenn er keinen Wert darauf legte: Wenn in einigen Jahren das neue Konzerthaus im Münchner Werksviertel eröffnet werden wird, wird es untrennbar mit ihm, seinem Namen, seiner Person verbunden sein. Mariss Jansons erhielt von Bayern, Österreich, Deutschland, Lettland die höchsten Ehrungen, die ein Musiker überhaupt erhalten kann. Er hätte sie alle für den Saal, für die Zukunft seines Orchesters eingetauscht. Er war ein wunderbarer Mensch. Nun ist die Erinnerung an ihn das letzte Glück, das einem bleibt.

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