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Westend:Attackierte Kurden erneut bedroht

Azad Yusuf Bingöl und Inan Ercik schildern, wie sie vergangene Woche in einem Linienbus angegriffen wurden - von türkischen Nationalisten, wie sie sagen. Einschüchtern lassen wollen sie sich aber nicht.

Von Bernd Kastner

Sie wollen beide ausdrücklich, dass ihre Namen in der Zeitung stehen: Azad Yusuf Bingöl und Inan Ercik. Sie bitten darum, sagen die beiden kurdischen Aktivisten, 30 und 42, weil sie sich nicht einschüchtern lassen wollen. Nicht von dem Angriff vorige Woche und auch nicht von dem, was sie hinterher als Drohung wahrnahmen. Am Freitagabend wurden die beiden in einem Linienbus attackiert, Ercik erlitt einen Nasenbeinbruch. Die Angreifer seien vier türkischstämmige Männer gewesen, die beiden Kurden halten sie für türkische Nationalisten. Einer habe eine türkische Flagge auf seiner Jacke getragen. Der Staatsschutz ermittelt; die Fahnder halten die Schilderung der Opfer für glaubwürdig.

Bingöl berichtet, dass sie am Gollierplatz im Westend in den Bus der Linie 63 gestiegen seien. Wenig später sei eine auffällig laute Gruppe eingestiegen, unter ihnen einer mit der türkischen Fahne auf der Jacke, der habe eine Bierflasche in der Hand gehabt. Rasch sei von der Gruppe eine aggressive Atmosphäre ausgegangen. Ercik trug einen Schal in den kurdischen Farben, gelb, grün rot, so sei er wohl als Kurde erkannt worden. Einer der Türken habe demonstrativ die Fahne auf der Jacke geküsst und einen nationalistischen Slogan gesprochen. Ercik und Bingöl versichern, selbst passiv und deeskalierend reagiert zu haben; die anderen hätten gepöbelt, der mit der Fahne zugeschlagen. Als Ercik den Fahrer gebeten habe, die Polizei zu rufen, habe er einen weiteren Schlag abbekommen, ins Gesicht. Die Kurden erinnern sich an weitere Schläge, an den Tumult und hysterisches Schreien der Passagiere. Kurz danach, der Bus hatte nach der Donnersbergerbrücke gestoppt, seien die Täter geflohen. Nach ihnen sucht die Polizei.

Bingöl, der Mitglied im Münchner Migrationsbeirat ist, berichtet, dass er und andere in der kurdischen Community zuletzt immer mehr Aggression seitens rechtsgerichteter Türken gegen Kurden wahrnähmen. Die Polizei kann dies nicht bestätigen, zumindest sei eine solche Gewalttat wie im Bus die Ausnahme. Der bayerische Verfassungsschutz spricht von "eruptiver Gewalt", die es "situationsbedingt" immer wieder mal gebe, von beiden Seiten, aber einen Trend sieht man auch dort nicht.

Schlimmer als die gebrochene Nase seien der Schock und das Entsetzen, dass die Hemmschwelle zur Gewalt so niedrig sei, sagt Ercik. Mittlerweile habe man den beiden Kurden über Umwege wissen lassen, dass sie keinen Wind machen sollten wegen der Geschichte, dass man um ihre Familien wisse und ihren Wohnort herausfinden werde. Für Bingöl und Ercik ist das klar eine Drohung. Der wollten sie sich nicht beugen, deshalb erzählen sie von dieser Busfahrt.

© SZ vom 21.10.2020

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