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"München komplett" an den Kammerspielen:Wie München wirklich tickt

Wie fühlt sich München außerhalb seiner Paradeflächen an? Der Theaterexperimentierer Schorsch Kamerun erkundet sechs Wochen lang die Peripherie der Stadt.

Ariane Witzig

Merkwürdige Dinge kann erleben, wer derzeit durch das Stadtviertel zwischen Haidhausen, Ramersdorf und Harlaching flaniert. Ein geheimnisvolles Kürzel ziert Hauswände und Parkbänke, an Laternenpfählen prangen Aufkleber mit Parolen wie "Ganz Giesing hasst die Polizei" oder "Willkommen in Giesing, Ihr Arschlöcher!" Was zum Teufel ist nur in die Giesinger gefahren? Vielleicht gerade eben jener?

München komplett Kammerspiele

Mit einem Bühnenwagen, Kammerspiele-Schauspielern und Sängern der Staatsoper im Schlepptau zieht Schorsch Kamerun in vier Stadtviertel.

(Foto: Andrea Huber)

Die Erklärung der vermeintlichen Anarchie ist simpel: "C.N" ist die Abkürzung für "Cosa Nostra", die Ultra-Fangruppe des TSV 1860 München, die mit derlei Botschaften nicht nur ihre traditionelle Abneigung gegen den FC Bayern kundtut, sondern auch noch eine ganz andere Botschaft: Bleibt weg, ihr Yuppies, Nerds, Schlipsträger, Porschefahrer! Giesing bleibt unser! Was die Menschen hier umtreibt, sind die Folgen einer Gentrifizierung, die leider auch dort schon schleichend beginnt.

An genau diesem Punkt setzt auch der Punk-Sänger, Theaterexperimentierer und Kapitalismuskritiker Schorsch Kamerun an in seinem neuen Stadtraum-Projekt "München komplett", einer Kooperation der Kammerspiele mit der Bayerischen Staatsoper.

Wie zuvor in Köln und Hamburg, nimmt er nun auch Münchens Peripherie unter die Lupe. Gemeinsam mit Ensemble-Schauspielern und Sängern zieht er in einem fahrenden Wagen in Regionen, die noch nicht zu Szenevierteln verkommen sind - nach Untergiesing, Daglfing und Milbertshofen - um herauszufinden, welche Themen und Probleme die Menschen dort beschäftigen.

Erste Etappe seiner gut sechswöchigen Tour sind die Bewohner der "Stadtpark OLGA" in Ramersdorf, die dort in einer Bauwagensiedlung ihr Ideal von ökologischem, bezahlbarem Wohnen leben. Mit ihnen entwickelt Kamerun eine begehbare Installation, Benny Claessens ein Theaterstück, Marc Benjamin lebt dort ein paar Tage und führt Videotagebuch, die "Rheintöchter" aus der aktuellen Ring-Inszenierung besingen die Natur. Kamerun selbst gibt ein Freiraum-Konzert (25. und 26. Mai, 20 Uhr Bauwagenplatz Stattpark OLGA, Aschauerstraße 34).

Auf der Trabrennbahn in Daglfing, die in bisschen wirkt wie aus der Zeit gefallen, organisiert er unter anderem ein "Promi-Rennen", bei dem Bekannte aus Funk und Fernsehen selbst an den Start gehen und Aufgaben meistern müssen, die ihnen die Bürger an diversen Stationen stellen werden (1./2. Juni, 20 Uhr, Rennbahnstraße 35). Danach steht Untergiesing auf dem Plan mit einer Parade durchs Viertel (9. Juni) und Milbertshofen, wo Kamerun im Olydorf ein "Weltparlament" simuliert (15./16. Juni, 20 Uhr, Conollystraße). Als krönenden Abschluss zeigt Kamerun dann beim "City-Showdown" im Hofbräuhaus die Höhepunkte seiner spannenden Tour durch die Stadt.

München komplett, Freitag, 25. Mai, bis 8. Juli, Infos: www.muenchner-kammerspiele.de.

© SZ vom 24.05.2012/sonn
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