Münchner Momente:Die Lügen der Kindheit

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Münchner Momente: Erwachsene, die Kinder zur Vorsicht mahnen: Nicht jede vermeintliche Weisheit aber weist in die richtige Richtung.

Erwachsene, die Kinder zur Vorsicht mahnen: Nicht jede vermeintliche Weisheit aber weist in die richtige Richtung.

(Foto: Shotshop/Imago)

Was wurde uns als Kinder nicht alles erzählt von den Gefahren der Welt. Stellt sich heraus: Kaum etwas davon stimmt. Treibsand zum Beispiel kommt zwischen Trudering und Pasing so gut wie nie vor.

Glosse von Stephan Handel

Der Mensch neigt mit zunehmendem Alter zu Verklärung der Jugend - natürlich nicht der heutigen, die das friedensschaffende Händchenhalten zwischen Ulm und Stuttgart ersetzt hat durch Festkleben an Asphalt und Anbinden an Bäume (damit allerdings genauso erfolglos ist, wie es die pazifistischen Menschenkettler von 1983 waren). Nein, die eigene Kindheit und Jugend ist es, die im Rückblick rosarot, glücklich und sonnenüberströmt erscheint, auch wenn sie in Wahrheit natürlich gelegentlich dunkelgrau, deprimierend und nebeltrüb war, wie es manche Tage bis heute sind.

Dass manche Dinge, die uns damals als lebensnotwendige Weisheiten von Eltern und anderen eingebläut wurden, sich im Nachhinein als falsch, im noch schlimmeren Fall sogar als irrelevant erwiesen haben - wenn kümmert das schon 40 Jahre später?

Zum Beispiel waren Kinder der 1960-er und 70-er Jahre sehr überzeugt davon, dass es notwendig sei, sich ausführlich mit der Gefahr von Treibsand zu beschäftigen. In jedem Comic, in jeder Folge "Lassie", in jedem Nachmittagswestern versank jemand mit oder ohne Pferd in zähflüssigem Schmodder und konnte, wenn überhaupt, nur unter größten Anstrengungen gerettet werden. Jedes Kind wusste: Bei Treibsand nicht herumstrampeln! Ruhig bleiben und auf Hilfe warten, Lassie ist schon unterwegs.

Ja nun. Niemand klärte uns auf, dass Treibsand zwischen Trudering und Pasing so gut wie nie vorkommt und dass es zudem aus physikalischen Gründen nahezu unmöglich ist, darin ganz und gar zu versinken. Nicht viel anders verhält es sich übrigens auch mit der Mär, dass ein verschluckter Kaugummi sieben Jahre braucht, bis er den Verdauungstrakt wieder verlässt, und dass, wenn man Kirsch- oder andere Obstkerne verschluckt, ein entsprechender Baum im Bauch zu wachsen beginnt. Apropos Kirschen: Streng verboten war es, nach dem Genuss von Steinobst zu trinken, choleraähnlicher Durchfall wäre die Folge. Und wer direkt nach dem Mittagessen zum Schwimmen ins Wasser steigt, der war schon so gut wie tot.

Jeder Erwachsene wird bestätigen können, sämtliche Handlungen ein - oder mehrmals, aus Versehen oder absichtlich ausgeführt zu haben, und nichts Schlimmes ist jemals passiert. Das ist in den meisten Fällen auch nicht so schlimm. Eine Enttäuschung allerdings werden die meisten durchaus zu verkraften haben: Den Warnungen unserer Eltern zufolge sollten uns sehr viel häufiger illegale Drogen angeboten werden.

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