Münchner Jakobsweg "Das ist besser als jeder Psychologe"

Anna Vogel und Philipp Hufschmied posieren nach der Aussendungsmesse in der St. Jakobskirche im Angerkloster in München (Oberbayern) am Samstag, den 25. Mai 2019 für ein Foto.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Der Münchner Jakobsweg beginnt in der St.-Jakobs-Kirche am Anger und führt immer an der Isar entlang. Auf dieser Etappe durch die malerische Flusslandschaft haben Pilger viel Zeit, sich selbst auf die Spur zu kommen.

Von Pauline Stahl

Wanderstöcke sind am Rucksack befestigt, an den Füßen sitzt festes Schuhwerk, der Hut auf dem Kopf schützt vor der Sonne, deren Wärme man schon am frühen Morgen auf dem St.-Jakobs-Platz spürt. Andere tragen noch Jeans und T-Shirt, das Gepäck beschränkt sich auf eine kleine Handtasche. Einer nach dem anderen trudelt im Angerkloster ein, es herrscht eine vorfreudige, fast festliche Stimmung auf dem Vorplatz gegenüber dem Jüdischen Museum. Denn an jenem Samstag findet kein normaler Gottesdienst in St. Jakob statt, sondern eine Aussendungsfeier für Jakobuspilger.

Zwei von ihnen sind Anna Vogel und Philipp Hufschmidt. Zwar geht es für sie erst im August und nicht in München, sondern nahe den Pyrenäen los, den Aussendungsgottesdienst wollen sich die Freunde aber trotzdem nicht entgehen lassen. "Ich mache das schon aus religiösen Gründen", sagt Vogel. Die 23-Jährige erhofft sich von der circa siebenwöchigen Reise aber auch, zu sich selbst zu finden und dem Druck zu entkommen, immer erreichbar zu sein.

Entspannen und "einfach mal runterkommen" wollen auch Heike Aul und Patricia Maier. "Spanien war uns zu weit, wir fangen erst einmal klein an", sagt Aul. An diesem Tag wollen die Frauen aus dem Landkreis Erding das Kloster Schäftlarn erreichen, erstes Etappenziel des Münchner Jakobswegs. Wie es dann weitergeht, wissen sie noch nicht. Für die 45- und 46- Jährigen beginnt das Pilgern im Anschluss an die Aussendungsfeier. Einen vollgepackten Rucksack und die richtige Ausrüstung haben sie schon dabei. Nach dem Gottesdienst und der symbolischen Verteilung der drei Pilgersymbole - Rucksack, Pilgerstab und Jakobsmuschel - suchen sie sich ihren Weg zur Isar, der sie auf einem Großteil ihrer Wanderung folgen werden.

Keinen Stab oder eine Muschel, dafür einen neuen Rucksack hat sich Constanze Wetzel für ihre Pilgerreise besorgt. Den Weg immer am Fluss entlang kennt sie gut. Die Münchnerin ist ihn bereits zu Schulzeiten gegangen, auch alleine, um sich für Pilgerreisen nach Santiago und Rom einzulaufen. Im September startet die 21-Jährige ihre vierte Tour. "Der Weg von München aus ist sehr schön", sagt Wetzel. Vom St.-Jakobs-Platz führt er zur Corneliusbrücke und von dort über die Museumsinsel auf die Ostseite der Isar. Nun beginnt der schmale Uferweg, der bis zum Tierpark Hellabrunn auch gleichzeitig der Planetenweg des Deutschen Museums ist. Säulen am Wegesrand stellen ein maßstäbliches Modell des Sonnensystems dar und zeigen die Größe und Entfernung der Planeten zur Sonne.

Der Jakobsweg schlängelt sich immer weiter an der Isar entlang, unter der Wittelsbacherbrücke durch bis zu den Flaucherinseln. Wer dort eine Pause einlegen will, kann sich am Kiosk "Susi & Günther's Hexenhäusl" mit Snacks versorgen. Für den größeren Hunger gibt es nach weiteren circa 30 Minuten Fußmarsch den Biergarten "Brezn Sepp". Ein kurzes Stück dahinter führt die Marienklausenbrücke über die Isar auf einen Weg zwischen dem Isarwerkkanal und dem Flussbett, dem man nun bis zur Großhesseloher Brücke folgen kann. Kurz vor der Brücke wechseln Pilger auf die andere Seite des Isarwerkkanals. Weiter geht es am Fluss entlang.

Perfekt, um den Gedanken freien Lauf zu lassen, sagt Constanze Wetzel. "Du läufst einfach vor dich hin, und dann kreisen die Gedanken." In den ersten Tagen des Pilgerns sei sie oft im Zwiespalt mit sich selbst. "Du verarbeitest alles, was du zu verarbeiten hast", sagt sie. "Man kommt auch an den Punkt, an dem man einfach wegen irgendetwas weint."

Der Weg

Start: St. Jakob am Anger, München

Ziel: Kloster Schäftlarn

Wegstrecke: 24 Kilometer

Gehdauer: Circa 5 1/2 Stunden

Kinderwagentauglich: Ja

Fahrradtauglich: Ja

Ansehen: Andachtsstätte Marienklause (Schlichtweg 15), eine 1866 erbaute Kapelle an der Marienklausenbrücke.

Einkehren: Biergarten "Brezn Sepp" (Tierparkstraße 30, Telefon 44 48 84 90), Gaststätte Brückenwirt (An der Grünwalder Brücke 1, Höllriegelskreuth, Telefon 793 0167)

Durchhalten ist angesagt, denn nach drei oder vier Tagen laufe sie einfach nur noch durch die Landschaft und genieße es. "Du siehst einen Baum und denkst dir: Gott, ist dieser Baum schön." Obwohl Wetzel als Kind kein Wanderfan war, versucht sie mittlerweile jährlich zu pilgern. Beim Laufen komme sie mit sich selbst ins Reine und merke vor allem, was im Leben wichtig ist. "Das ist besser als jeder Psychologe." Auch was wirklich ins Gepäck gehört, habe sie beim ersten Mal Pilgern gelernt. Ein zweites Paar Socken zum Wechseln? "Unnötig", weiß Wetzel mittlerweile. "Das ist zwar ultraeklig, aber man wechselt die Socken nicht, weil man sich dann keine Blasen läuft." Genauso wichtig sei es, sein eigenes Tempo zu laufen und ausreichend Pausen einzulegen.

Circa 20 Minuten Gehzeit nach dem Wasserkraftwerk an der Grünwalder Brücke gibt es für die Pilger eine Einkehrmöglichkeit im Gasthaus "Brückenwirt" in Höllriegelskreuth. Gut gestärkt geht es nun auf die letzte Etappe des Münchner Jakobswegs. Ein kurzer Stopp ist wenige Schritte hinter dem Grünwalder Stauwehr möglich. Dort ragt der Georgenstein aus dem Wasser, ein fünf Meter hoher Felsblock im Isarbett.

Nun schlängelt sich der Pilgerweg rechts am Fluss durch den Wald, um schließlich auf die Klosterstraße zu stoßen. Die führt die Pilger nach etwa zehn Minuten auf direktem Wege zum Kloster Schäftlarn. Nach 24 Kilometern und etwa fünfeinhalb Stunden Fußmarsch ist die erste Etappe des Münchner Jakobswegs geschafft. Noch eine kurze Umrundung des Klosters, dann suchen die Pilger das Klosterbräustüberl auf. Außer dem Landgasthof mit Biergarten gibt es auch Fremdenzimmer, die reserviert werden können. Nun werden die Wanderstöcke beiseitegelegt, die Füße aus den dicken Wanderschuhen gehievt. Die Pilger können ruhen.

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