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Bilanz der Staatsanwälte:35 Ermittlungen in München wegen illegaler Autorennen

Diese beiden Fahrzeuge gehörten zu dem Konvoi der Niederländer, der in Starnberg beinahe ein Kind überfährt.

(Foto: Polizei)

Doch hart bestraft werden die Raser bislang nur selten.

Zwölf niederländische Touristen liefern sich am Freitag der vorvergangenen Woche ein illegales Autorennen auf der Autobahn A 95. Der Konvoi bricht in München auf, in Starnberg überfahren die Raser beinahe ein Kind, erst bei Weilheim können sie von mehreren Polizeistreifen gestoppt werden. In München sagt vor Gericht ein junger Mann, der mit 180 Stundenkilometern über den Mittleren Ring gerast ist, er habe sich von einem BMW-Fahrer "provoziert" gefühlt. Und ein 46-Jähriger brettert mit seinem Mercedes in hoher Geschwindigkeit durch die Menzinger Straße, weil seine Tochter ein Video für Instagram drehen will.

Drei Geschichten aus den vergangenen Wochen, drei Geschichten von illegalen Autorennen. Wegen des vor gut zwei Jahren eingeführten Straftatbestandes hat die Staatsanwaltschaft München I im vergangenen Jahr 35 Ermittlungsverfahren geführt, am Ende aber werden, so eine erste Bilanz der Behörde, nur etwa ein Dutzend Fälle übrig bleiben. Der Gesetzgeber hat den Strafverfolgern offenbar eine knifflige Aufgabe gestellt. Etwa ein Drittel der Verfahren wurde, wie der Leitende Staatsanwalt Hans Kornprobst sagt, bereits eingestellt, in acht weiteren Fällen sei es fraglich, ob ein "Renncharakter" oder Vorsatz nachgewiesen werden können. In einem Verfahren wurden zwei Strafbefehle erlassen, die mittlerweile rechtskräftig sind. Dabei hatten vor genau einem Jahr zwei Autofahrer auf der Landshuter Allee ausgerechnet ein ziviles Polizeiauto überholt.

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Immer wieder hat die Münchner Polizei vergangenes Jahr von solchen Autorennen berichtet, die laut Kornprobst ein "gravierendes Sicherheitsrisiko" darstellen. In einigen Fällen endete die PS-Protzerei mit Unfällen. Diese werden statistisch gesondert erfasst, kommen also zu den 35 illegalen Autorennen noch dazu - eine Auswahl aus den Berichten der Polizei:

Februar: Ein Autofahrer wird Augenzeuge, wie sich die Fahrer eines Nissan GT-R und eines Audi R8 auf der Autobahn A 99 ein Rennen liefern. Die Fahrer, ein 21-jähriger Sportkaufmann aus dem Landkreis Straubing-Bogen und ein 27 Jahre alter Online-Händler aus Straubing, haben die Autos in Rosenheim gemietet, um mal "richtig Spaß zu haben", wie sie der Polizei sagen, als sie am Flughafen gestoppt werden.

März: Besonders dreist verhält sich nach Angaben der Polizei auch ein 21-Jähriger. Er wird mit Tempo 128 auf der Landshuter Allee von einer Polizeistreife gestoppt, behauptet, er sei nur 60 gefahren - und wird fünf Tage später bei einem illegalen Rennen mit zwei anderen Fahrern auf der Landsberger Straße erwischt.

Juni: Auf der Leopoldstraße liefern sich ein Mann und eine Frau ein illegales Autorennen.

Juli: Polizisten stoppen auf der Fürstenrieder Straße zwei 21 und 19 Jahre alte Münchner, die sich mit mehr als 100 Sachen ein Autorennen geliefert haben. Auf der Moosacher Max-Born-Straße werden im selben Monat ein Auto- und ein Motorradfahrer angehalten. Die beiden Dachauer haben bei ihrem Rennen auf bis zu 134 Sachen beschleunigt.

August: An einer Tunnelwand im Leuchtenbergring endet ein nächtliches Rennen. Gegen 0.45 Uhr rasen ein 20-Jähriger mit seinem BMW und ein gleichaltriger Auszubildender mit seinem VW, beide aus dem Landkreis München, über den Mittleren Ring. Im Tunnel verliert der BMW-Fahrer die Kontrolle über sein Auto.

September: Ein 26-Jähriger wird auf der Fürstenrieder Straße mit 149 Stundenkilometern gestoppt. Auch bei ihm besteht der Verdacht, dass er ein illegales Rennen gefahren hat.

November: Auf der Landsberger Straße kann die Polizei zwei Autofahrer aufhalten, die zusammen mit zwei weiteren Tätern mit mehr als 100 Stundenkilometern durch Pasing und Laim gerast sind. Dabei haben die Raser dauernd die Fahrstreifen gewechselt, sich gegenseitig sowie andere überholt und den Mindestabstand missachtet. Zwei der Raser türmen vor der Polizei.

In ganz Bayern sind im Jahr 2018 nur insgesamt 40 Menschen wegen der Teilnahme an illegalen Autorennen verurteilt worden. Das zeige dennoch, "wie wichtig es war, dass der Bundesgesetzgeber auf unsere Bestrebungen hin die bloße Beteiligung an einem illegalen Autorennen unter Strafe gestellt hat", sagte der bayerische Justizminister Georg Eisenreich (CSU) bei der Vorstellung der Strafverfolgungsstatistik im vergangenen Jahr. Von insgesamt 26 Münchner Verkehrstoten im Jahr 2018 starben sechs Menschen, weil Autofahrer sich nicht an Tempolimits hielten oder so schnell fuhren, dass sie ihr Fahrzeug nicht mehr beherrschten. Bei den 445 Geschwindigkeitsunfällen in München wurden insgesamt 306 Menschen verletzt, 54 von ihnen trugen schwere Verletzungen davon.

Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren, in besonders schlimmen Fällen sogar von bis zu zehn Jahren - das sieht der Paragraf 315d des Strafgesetzbuchs bei illegalen Autorennen vor. Wie die Münchner Staatsanwaltschaft mitteilt, kommen Ersttäter in der Regel aber glimpflich mit Geldstrafen davon - und zwar mit Tagessätzen "im mittleren zweistelligen Bereich". Außerdem müssen sie ihren Führerschein abgeben und dann bis zu einem Jahr lang das befolgen, was die Münchner Polizei twitterte, nachdem sie vor einem Jahr ein illegales Rennen zwischen einem Mini und einem Golf gestoppt hatte: #laufenistgesund.

© SZ vom 03.02.2020/infu
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