Münchner Momente:Der Traum vom ewigen Eis

Lesezeit: 2 min

Wenn der Gelatiere seine Eisdiele schließt, ist der Sommer in München unwiderruflich vorbei.

Von Wolfgang Görl

Soeben hat unsere Eisdiele dichtgemacht. Nein, nicht für immer, ihr Betreiber, ein Sizilianer, ist nur der Meinung, dass im Winter genug Eis auf der Straße liege, da müsse er nicht selbst noch welches fabrizieren. Erst im Frühling will er sich wieder in seine Eisküche bequemen, bis dahin fährt er heim nach Palermo. Jedes Jahr macht er das, und jedes Jahr stellt sich die bange Frage: Was, wenn er nicht mehr zurückkommt? Wenn er auf Sizilien die Liebe seines Lebens findet oder in den Ätna fällt oder von der Mafia entführt wird, weil die Mafiosi an sein Schokoeis-Rezept ranwollen? Ein schauderhafter Gedanke. Ohne sein Eis wäre der Münchner Sommer so trostlos wie der Sommer im Polarmeer. Ja, womöglich gäbe es gar keinen Sommer.

Das erste Gelato im April: Erdbeer, Schokolade, Stracciatella. Es schmeckt nach Südwind, nach süßem Nichtstun in der Sonne, nach Hitze bis tief in die Nacht. Und wenn es auf der Zunge schmilzt, steigen Erinnerungen hoch, die Kindertage, der Urlaub am Strand von Rimini, die Sandburgen, das Meer und die Eistüte, die jedes Mal von den Eltern erbettelt werden musste. Später die Hitchhiking-Touren bis nach Sizilien, der erste Cappuccino hinterm Brenner, das Azzurro-Meer und die Flirts am Strand, zu deren Ritual es gehörte, die Angebetete mit fünf Kugeln Eis zu überraschen, woraufhin ein öliger Ragazzo erschien und mit einer Kopf-ab-Geste die sofortige Flucht erzwang. War nicht weiter tragisch, so ein Dauersprint über den feuchten Sand stählt den Körper, danach eine Granita al limone, die im Mund einen köstlichen Kälteschock auslöst. Wunderbare Tage, die in München wiederauflebten, wenn unser Gelatiere sein Schokoeis auf die Waffel spachtelte. In diesen Momenten war klar: Das Mittelmeer reicht bis zum Isartor.

Nun aber ist der Eismann fort, und wir blicken ins Novembergrau. Gewiss, schon im August gibt es Tage, in denen der Sommer schwächelt. Noch ist es heiß, und doch weht an manchen Abenden ein Hauch herbstlicher Kühle durch die Stadt. Man spürt ihn kaum, deshalb ist er bald vergessen. Nein, der Sommer darf nicht enden, er wird es auch nicht, schon gar nicht in diesem Jahr. Dann der September, die Kastanienblätter färben sich, die Felder sind abgeerntet, und Morgentau liegt auf den Wiesen. Dennoch glaubt man an den Sommer, hofft, nein vertraut darauf, dass er nur eine Atempause nimmt, damit er den Herbststürmen und Atlantiktiefs zu trotzen vermag. Selbst nach der ersten Frostnacht will man noch nicht von ihm lassen.

Doch jetzt, mein Gott, ist die Eisdiele zu. Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr. Wenn die Eisdiele schließt, ist der Sommer unwiderruflich vorbei. Aus die Maus. Was bleibt, ist, sich im Bett zu verkriechen und zu beten: Dass der Eismann keine Frau findet, dass er nicht in den Ätna fällt, und dass die Mafia den Falschen kidnappt.

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