Prozess in München:Rockerzoff in München - und ein ominöser V-Mann mittendrin

Prozess in München: Vor dem Landgericht München I sind viele Fragen zu klären.

Vor dem Landgericht München I sind viele Fragen zu klären.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Drei Männer stehen vor dem Landgericht, weil sie in einem Schnellrestaurant ein Mitglied der Hells Angels zusammengeschlagen haben sollen. Ans Licht kam die Angelegenheit nur durch einen V-Mann.

Von Susi Wimmer

In der Rocker-Szene gehört es zum Ehrenkodex, nicht mit Polizei oder Justiz zu sprechen. So wird es ein rundum schweigsamer erster Verhandlungstag vor dem Landgericht München I, das klären will, ob die drei Angeklagten im Oktober 2019 ein Mitglied der Hells Angels in einem Schnellrestaurant blitzartig überfallen und verprügelt haben. Auch ein schweigsamer V-Mann-Führer der Polizei, der als Zeuge geladen ist, bringt kein Licht ins Dunkel. Und ob die Angeklagten tatsächlich einer Rockergruppierung angehören, ist wieder eine ganz andere Sache.

Fakt ist, dass zwischen den Brüdern Ersin und Erdinc D. sowie Zoubeir H. und den Rockern von den Hells Angels ein jahrelanger Streit schwelte. Der gipfelte darin, dass Hells Angel Khaled B. bei den "Istanbul Nights" 2015 im Crowns Club an der Rosenheimer Straße beiden Brüdern ein Messer in den Bauch rammte. "Mein Mandant kam fast zu Tode", erzählt Wolfgang Bendler, Verteidiger von Ersin D.

Khaled B. wurde zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt. Dutzende Kuttenträger bevölkerten damals den Gerichtssaal, fast kam es zu einer Schlägerei auf den Gängen, "durch die Hauptverhandlung ist alles noch mehr eskaliert", meint Bendler.

Was folgte, war der Angriff im McDonald's an der Regerstraße nahe dem Ostfriedhof. Dabei soll Ersin D. mit einem Handgriff von einer Gewichtszugmaschine aus dem Fitnessstudio an der Faust zugeschlagen haben. Zoubeir H. und Erdinc D. sollen auf den am Boden Liegenden eingetreten haben. Dann rannten sie davon.

Ein Angestellter verständigte die Polizei. Doch als die im Lokal eintraf, waren Täter, Opfer und Begleiter verschwunden. Das Ganze wäre im Sande verlaufen, hätte nicht ein V-Mann der Polizei einen Tipp gegeben. Dieser gab den Sachverhalt so wieder, wie er auf einem Video zu sehen ist, das die Überwachungskamera im McDonald's filmte. Das Video soll in Täter- wie Opferkreisen kursiert sein. Vor Gericht wird zu klären sein, ob die Angeklagten aufgrund des Videos identifiziert werden können.

Nun soll ein Polizist über die Vernehmung des ominösen V-Mannes berichten. Doch außer dem Satz "ich habe hierzu keine Aussagegenehmigung" und ostentatives Schweigen kommt nicht viel. "Der Zeuge führt uns an der Nase herum", meint Erdinc D.s Verteidigerin Julia Weinmann, "da ist unsauber gearbeitet worden bei der Polizei".

Die Rechtsanwälte regen ein Gespräch an, das die 3. Strafkammer in der Öffentlichkeit führt. Helmut Mörtl, Verteidiger von Zoubeir H., sagt, die Tat liege mehr als vier Jahre zurück, die Angeklagten seien eher die Opfer. Im Jahr 2020 soll es nämlich erneut einen Angriff der Hells Angels gegeben haben: Auf offener Straße fuhr ein schwarzer Van Erdinc D. und Zoubeir H. über den Haufen. Anschließend stachen die Täter auf Erdinc D. ein. Seitdem ist der damalige Hells-Angels-Präsident Murat S. untergetaucht und mit ihm ein Teil der Rocker. "Sie sind auf der Flucht, deshalb gibt es noch keine Anklage", sagt der Staatsanwalt. Und er erklärt auch, dass Selbstjustiz hier nicht geduldet werde, "so funktioniert unsere Gesellschaft nicht".

Ein Deal scheitert, weil der Staatsanwalt bei Ersin D. und Zoubeir H. keine Bewährungsstrafe sieht, wohl auch aufgrund der Vorstrafen. Die Angeklagten seien "offenbar tief mit der Rockerkriminalität verbunden", schreibt das Innenministerium in einer Stellungnahme zum V-Mann an das Gericht. Die Brüder D. sehen das anders. Von einem "Rockerkrieg" könne keine Rede sein, zumal sie keiner Gruppierung angehörten, erzählen sie der SZ. Der Streit mit den Hells Angels sei aus einer privaten Angelegenheit hervorgegangen. Mitte März soll es ein Urteil geben.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusUrteil im Maler-Mord-Prozess
:Die Stimme im Kopf, die Böses sagt

Im psychotischen Wahn sticht Tarik F. auf einen Kollegen und seinen Chef ein. Der Kollege stirbt, alle Beteiligten leiden bis heute unter der Tat. Das Gericht stuft den Angeklagten nun als schuldunfähig ein. Frei sein wird er dennoch nicht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: