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St. Gabriel in Haidhausen:Bald wieder auf der Höhe

Seit Februar ist der Turm von St. Gabriel eingerüstet. Zum Abschluss der Sanierung kehrt der große Engel an seinen angestammten Platz auf dem Dach zurück

Von Patrik Stäbler, Haidhausen

Der Engel, der beinahe gefallen wäre, soll an diesem Donnerstag endlich heimkehren - sofern das Wetter mitspielt. Seiner Flügel zum Trotz wird es einen Kran brauchen, um die mannsgroße Gestalt auf 45 Meter Höhe zu hieven. Ist ja auch nicht mehr der Jüngste, der Erzengel Gabriel, der seit der Einweihung der gleichnamigen Pfarrkirche in Haidhausen 1926 auf deren Turmspitze thronte. Auf einem drehbaren Sockel, sodass seine Fanfare je nach Windrichtung mal hierhin und mal dorthin zeigte - bis zu jenem Gewittersturm im August 2017. Denn da erwischte eine heftige Böe die vergoldete Kupferfigur und knickte sie etwa auf Hüfthöhe ab. Was folgte, war eine spektakuläre Rettungsaktion der Feuerwehr, die mit Spezialkräften anrückte, den absturzbedrohten Oberkörper des Engels abtrennte und ihn über einen Seilzug zu Boden ließ.

Einige Monate später wurde die verbliebene Unterpartie des Himmelsboten mit einem Hebekran vom Kirchturm geholt. In der Folge setzte ein Kunstspengler die beiden Teile wieder zusammen, restaurierte die Figur, und nun soll der Erzengel also wieder an seinen angestammten Platz kommen - sehr zur Erleichterung vieler Gemeindemitglieder von St. Gabriel. "Ich bin ständig gefragt worden: Was ist mit dem Engel? Wann kommt er wieder?", erzählt Gabriele Stemmer, die Kirchenpflegerin der Pfarrei. Sie habe dann stets geantwortet: Ja, der Engel wird zurückkehren. Schließlich ist er das weithin sichtbare Wahrzeichen von St. Gabriel, dieses mächtigen und weitgehend schmucklosen Klinkerbaus, der sich entlang der Prinzregentenstraße erstreckt - 82 Meter lang und 25 Meter breit, womit die Kirche zu den größten in München zählt.

Kirchenpflegerin Gabriele Stemmer.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Rückkehr des Engels stellt zugleich den Schlusspunkt eines weit größeren Projekts dar: der Sanierung des 45 Meter hohen Kirchturms. Er ist seit Februar rundum eingerüstet, auch im Innern waren die Bauarbeiter zugange. Dort wurden die verfaulten Treppen und der Putz erneuert, während an der Außenmauer in minutiöser Kleinarbeit zahllose marode Fugen repariert wurden. "Viele davon waren schon ganz schwarz, und der Mörtel ist herausgebröselt", sagt Gabriele Stemmer. Die 73-Jährige ist in St. Gabriel getauft worden - 1947 war das, an einem Notaltar vor einer Bretterwand, nachdem das Gotteshaus im Krieg schwer beschädigt worden war. Seither hat die Kirche Gabriele Stemmer auf ihrem jeweiligen Lebensweg begleitet; 2013 übernahm sie das Amt der Kirchenpflegerin.

Schon damals war klar, dass der Turm einer Sanierung bedarf - eine Herkulesaufgabe für die Pfarrei mit ihren gut 5000 Mitgliedern. Schließlich müsse sie von den Gesamtkosten von über einer Million Euro gut 300 000 Euro an Eigenmitteln aufbringen, sagt Gabriele Stemmer. "Wir haben alles Geld zusammengekratzt, das da war." Dazu habe man in Briefen um Spenden geworben, Sondersammlungen und Weihnachtsbasare organisiert. Und dennoch sei die Pfarrei "noch lange nicht am Ziel", sagt die Kirchenpflegerin. "Das Ganze wird uns sicher noch einige Jahre beschäftigen." Zumal in der Zwischenzeit eine weitere Baustelle hinzugekommen ist - und auch ihre Geschichte begann mit einem Gewitter.

Denn an Fronleichnam 2019 schlug am Nachmittag ein Blitz in die Pfarrkirche ein, was trotz Blitzableiter nicht folgenlos blieb. So wollte die Turmuhr auf der Westseite fortan nicht mehr funktionieren; ihre Zeiger verharrten starr auf der Zwölf. Und als man die West-Uhr und ihre Pendants auf den anderen Turmseiten näher begutachtete, folgte die nächste böse Überraschung: Alle vier waren stark renovierungsbedürftig. Entsprechend wurden im Zuge der Turmsanierung auch das Uhrwerk samt der gewaltigen Zeiger und Zifferblätter abgenommen und repariert. Angeschafft worden war die Turmuhr dereinst von der Stadt München. "Meine Oma hat mir erzählt, dass die Stadt das damals übernommen hat, weil es im ganzen Viertel keine öffentliche Uhr gab", sagt Gabriele Stemmer. Dieses Argument zieht heute freilich nicht mehr. Und so ist es an der Pfarrei, die 55 000 Euro für die Reparatur aufzubringen. "Wir haben Briefe an den Landtag und den Bezirksausschuss geschrieben", berichtet Gabriele Stemmer. "Doch alle Anfragen wurden abgelehnt."

Auch für diese Reparatur wird die Pfarrgemeinde also vermutlich noch länger sparen müssen. Dessen ungeachtet steht nun erst mal die Heimkehr des Engels an, ehe die Turmuhr wieder an ihren alten Platz kommt und das Gerüst abgebaut wird. All das soll schon in den kommenden Wochen geschehen, sodass der Kirchturm von St. Gabriel pünktlich zur Adventszeit wieder unverhüllt zu sehen sein wird - inklusive des goldenen Gabriel auf der Spitze.

© SZ vom 04.11.2020
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