Kunstflug:König der Lüfte

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Kunstflug: Robert Galitz bringt mit seinem Heli so einige Kunststück fertig.

Robert Galitz bringt mit seinem Heli so einige Kunststück fertig.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Robert Galitz ist ein Schöngeist und Tüftler. Der Münchner Verleger schraubte schon einen Lkw zusammen und fuhr durch die Sahara. Jetzt kämpft er um die Deutsche Meisterschaft der Kunstflug-Helikopter.

Von Karl Forster

Der Pilot richtet die Schnauze des Helikopters exakt gegen den Wind. Geht ein paar Schritte zurück, prüft mit einem kurzen Blick, ob die Luft über Münsing rein ist, und drückt ein Knöpfchen auf dem kleinen silbernen Kästchen, das vor seinem Bauch hängt. Die Rotorblätter fangen an, sich zu drehen, ein Singen in der Luft, ein Flirren, und schon hebt der Heli ab, saust senkrecht in die Höhe, dreht einen Kreis und zeichnet plötzlich drei, vier blitzschnelle Loopings in den Himmel. Man darf Robert Galitz jetzt nicht ansprechen. Hoch konzentriert schaut er seinem Hubschrauber zu, wie dieser durch die Lüfte tanzt, mal auf dem Rücken fliegend, mal senkrecht sich um seine Achse drehend. Robert Galitz lenkt ihn mit den Fingern, die Hände in Handschuhen, bei denen Daumen und Zeigefinger ausgeschnitten sind. Sagt, nach dem der kleine Heli wieder auf der Wiese gelandet ist: "Das war jetzt nur ein kleines Programm. Außerdem ist es saukalt heute." Und packt den Hubschrauber wieder ins Auto.

Dieser Mann kann sehr viele sehr unterschiedliche Dinge sehr gut. Er kann einen 16-Tonner-Lkw zerlegen und wieder zusammenbauen. Er kann wunderschöne Bücher machen, zum Beispiel über Hamburgs Speicherstadt oder ein gut achthundertseitiges Werk über die Qualle ("World Atlas of Jellyfish"). Und er kann kleine Hubschrauber in der Luft auf solch wunderbare Weise tanzen lassen, dass Libelle und Kolibri vor Neid erblassen.

Robert Galitz wird aber, für seine Verhältnisse, ziemlich grantig, wenn man solch einen Helikopter als Laie Modellhubschrauber nennt. "Das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Modellhubschrauber sind nur verkleinerte Abbildungen eines Originals und genauso träge wie dieses." Seine 5,5 Kilogramm schweren Helis dagegen können in der Luft Dinge vollführen, die kein anderes Fluggerät kann, auch nicht Insekten oder Vögel. Demnächst wird Galitz um die Deutsche Meisterschaft kämpfen. Seine Gegner sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Galitz ist mit 63 Jahren der Oldie der Szene. Er hat gute Chancen.

Der Verleger stellt seinen Kunstflughelikopter auf den Wohnzimmertisch seines Bungalows im Münchner Süden. Im Keller steht ein Flugsimulator. Galitz befreit jetzt die beiden Rotorblätter von der Gummihalterung und richtet sie aus zum Durchmesser von gut eineinhalb Metern. Langsam dreht er sie mit dem Finger einmal um die Achse und erklärt, warum dieses Fluggerät so einzigartig ist. Er tut das mit leiser Stimme, aber hörbarer Begeisterung.

Der Pilot beschreibt die technischen Vorgänge bei Antrieb und Steuerung seines gelbroten Flugzeugs. Er kennt jedes Detail vom elektronischen Stabilisierungssystem über die Funktion des Reglers für die Drehzahl des Rotors bis den Algorithmen, die für diese Regelungstechnik verantwortlich sind. Galitz ist ein eher bescheidener Mensch, aber Geschwindigkeit fasziniert ihn seit je her. Mit einem gewissen Stolz sagt er deshalb: "Diese Dinger sind schneller als die meisten manntragenden Helikopter. Bis zu 300 Stundenkilometer." Manntragend bedeutet: Hubschrauber, wie sie Polizei, ADAC oder die DRF Luftrettung fliegen. Gegen Galitz' Fluggeräte sind das lahme Enten.

Kunstflug Helikopter Meisterschaft

Kein "normaler" Hubschrauber kannauf dem Rücken fliegen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Schneller aber als 300 geht es kaum. Auch der Weltrekord liegt nur knapp darüber. Denn bei bis zu 2600 Umdrehungen pro Minuten kommen die äußeren Enden der Rotorblätter auf bis zu 800 Stundenkilometer. Rechnet man dazu die Fluggeschwindigkeit, sind das etwa 1100 Sachen. Das ist nahe an der Schallgrenze.

Es ist nicht so, dass der Verleger sein Leben der Fliegerei verschrieben hätte. Vielmehr hatte der gebürtige Münchner schon von Kindheit an viele Begabungen. Schon zu Schulzeiten auf dem Erasmus-Grasser-Gymnasium an der Fürstenrieder Straße wollte er sich nicht entscheiden zwischen der Schönheit der Sprache und der Faszination der Mathematik. Damals sammelte er erste Flugerfahrungen mit einem Segler aus Balsaholz, dessen Propeller sich mit der Kraft eines verzwirbelten Gummis drehte. Doch mehr noch faszinierten ihn Aerodynamik, Hydrodynamik und Infinitesimalrechnungen, und so konstruierte er im Alter von 15 Jahren eine Art Modell-Luftkissenboot, das mit mehr als 150 Stundenkilometern übers Wasser raste. "Ich konnte das später gut verkaufen", erzählt er. Von dem Geld erwarb er ein Moped, dem er mit dem Zylinderkopf einer Motocross-Enduro und dem Getriebe eines Gokarts zu einer Endgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern verhalf. "Als ich dann auf der Fürstenrieder Straße an der Ampel eine fette BMW-Maschine stand, dachte ich mir: Die hänge ich jetzt ab!". Das gelang zunächst auch - bis er feststellte, dass der BMW-Fahrer Uniform trug. "Der Polizist begutachtete das Moped, sagte nur ,das ist ja sehr interessant' und zog von dannen."

Die Fliegerei hatte da Pause. Statt dessen fuhr der Abiturient mit dem Finger auf den Landkarten des Diercke-Weltatlas spazieren, vornehmlich durch die Sahara. Das Fernweh wuchs, und so gründete er mit Freunden eine Umzugsfirma, um sich das Geld für die Reisen zu verdienen. Dabei ist Galitz von eher schmächtiger Figur, keine Spur von einem Möbelpacker. "Doch mit Gurten geht alles", erinnert er sich heute.

Der ersten Tour durch die Wüste mit ihrem Umzugswagen folgte eine zweite mit einem 16-Tonner. Um für alle Fälle gerüstet zu sein, bat Galitz Mercedes um eine technische Dokumentation des Fahrzeugs, zerlegte erstmal zu Hause den Lkw und baute ihn wieder zusammen. Das half in der Wüste. Denn irgendwo zwischen In Salah und Tamanrasset in Algerien brach der Kühler ab. Der nächste Ort war 200 Kilometer entfernt.

Galitz schickte seine Freundin mit einem Beduinen-Lastwagen dorthin voraus. Er selber drapierte seine Trinkwassersäcke, die zur Kühlung mit einer transpirierenden Fläche überzogen waren, so um den Motor, dass er immer wieder eine halbe Stunde fahren konnte bis zur nächsten Kühlungspause. Der Mann, der später Hörbücher über Gottfried Benn oder die Familie Mann auf den Markt bringen wird, rettet sich in der Sahara durch die praktische Anwendung des physikalischen Gesetzes der Verdunstungskälte. Er kam durch, die Freundin hatte gewartet.

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