Münchner Momente:Am Strand des Fächelns

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Immer der Weißwurst hinterher: Von chinesischen Touristen können grantelnde Münchner so einiges lernen.

Kolumne von Thomas Anlauf

Im fernen China lebt ein Milliarden-Völkchen, das gerne das Weite sucht und die weite Welt besucht. Kürzlich waren zwei chinesische Touristen in einem Münchner Traditionslokal, knipsten die bestellten Weißwürste, vermutlich für eine Raubkopie, die sie dann in ihrer Heimat vertreiben wollten. Kurz darauf knieten sie kichernd unter dem Biertisch. Die Wurst war beim Versuch des Verzehrs kurzerhand vom Teller gekullert und so kugelten sie sich unter dem Tisch vor Lachen. Seit Franz Lehárs Operette "Land des Lächelns" weiß die Welt, dass Chinesen gerne lächeln und vergnügt sind. Das Leben in München wäre ohne kichernde Chinesen im Hofbräuhaus deutlich betrüblicher.

Denn die Münchnerinnen und Münchner neigen ja eher zum Grant. Das ist jener üble Gemütszustand, wenn die Weißwurst selbst einem Münchner vom Teller plumpst oder das Bier schlecht eingeschenkt ist, was wiederum häufig vorkommt. In diesen Sommertagen machen sich vornehmlich männliche grantelnde Münchner auf zum Isarstrand, um sich mit ihrem Hobby abzureagieren. Dort wird dann der Holzkohlegrill befeuert, was offenbar in diesen Zeiten der Energiekrise voll in Ordnung geht. Schließlich will die Regierung auch, dass Kohlekraftwerke am Netz bleiben. Also gilt es, alles zu verfeuern, was noch da ist, der nächste Winter ist schließlich noch so fern.

Im Hirschgarten, am Feldmochinger See und natürlich am Flaucher qualmt und raucht es in diesen Tagen, als wäre München ein riesiges Fegefeuer. Die Grillmeister der Isar heizen mit Pappkartons die lodernde Glut an, während daneben Sitzende und Schwitzende mit Handtüchern den Rauch vertreiben. Wer keinen Kotelett-Geruch mit Holzkohlenbeigeschmack abbekommen will, sollte sich dringend in andere Regionen begeben, wo er höchstens von Tegernseern beschimpft wird, weil man mit einem Apfel auf einer Almwiese sitzt, die natürlich nur für Einheimische gedacht ist. Das wissen die Münchner allerdings nicht, weil die Chinesen unter den Oberbayern, die Tegernseer, einen großartigen Humor haben, aber bei Münchnern keinen Spaß verstehen. Also zurück im überfüllten Neun-Euro-Regionalzug nach München und am Flaucher versuchen, doch ein wenig zu entspannen. Dort steht schon eine Rauchwolke, in der sich die Worte formieren: Willkommen am Strand des Fächelns.

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