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Deutscher Verlagspreis:Kunst zwischen Buchdeckeln

Die Verleger: Jan Steinbach, Jonas Beuchert, Tilman Schlevogt (v. li.)

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Münchner Edition Taube beeindruckt mit liebevollen Veröffentlichungen

Der Bestseller der "Edition Taube" ist ein schwarzes Heftchen, vom Format her ähnlich einem Reclam-Bändchen. Die Assoziation zu einem Notizbuch drängt sich auf, wenn man die "Confessions of a poor collector", eine Schrift des bedeutenden US-Kunstsammlers Eugene M. Schwartz in den Händen hält. Ein gewollter Eindruck, soll doch die Buchgestaltung eine Annäherung von Inhalt und Form sein. Die Anleitung, wie man mit wenig Geld eine Kunstsammlung aufbaut, sollte den Anstrich einer Fibel haben, sie sollte in jede Hosentasche passen und an die Machart von Moleskine erinnern. Tilman Schlevogt hatte hier sehr genaue Vorstellungen.

Schlevogt ist einer der drei Verleger der in München ansässigen Edition Taube. Gemeinsam mit Jonas Beuchert und Jan Steinbach hat er sich auf die Herausgabe von Künstlerbüchern spezialisiert. Die Edition ist im Mai mit einem der Deutschen Verlagspreise ausgezeichnet worden. Ein Gütesiegel und 20 000 Euro Preisgeld sind damit verbunden. Und auch Anerkennung, finden die Verleger. "Es ist schön, dass jemand sieht, was wir tun", sagt Schlevogt.

Was sie so tun, das zeigt sich in den einmaligen Publikationen der Edition Taube: "Wir propagieren das Künstlerbuch an sich", sagt Beuchert. Sie verlegen Bücher, die in Zusammenarbeit mit Künstlern entstehen, quasi als Buch gedachte Kunst. Nicht jeder Künstler könne im Buch denken, weiß Beuchert. Und auch nicht jede Zusammenarbeit sei erstrebenswert. "Es ist schon eine intime Sache, ein Buch zu machen", sagt er. Deshalb suchten sie sich die meisten Künstler für ihre Projekte gezielt aus. Entstanden sind so mehr als 100 Publikationen, jede von ihnen ist anders gestaltet, was sie verbindet, ist lediglich das Verlagssymbol, der emblematische Haken, der einen fliegenden Vogel oder auch ein aufgeschlagenes Buch bedeuten kann.

Damit gekennzeichnet ist etwa der dicke, leinengebundene Band von Julius Heinemann. "'Chronos & Kairos' ist Skulptur, Speicher und Gewicht - ein Körper, der von seinen einzelnen Blättern zusammengehalten wird", heißt es in der Verlagsbeschreibung. Oder das in der Optik und Haptik eines Marvel-Comics gestaltete Heft "M-Maybe" von Sebastian Utzni. Oder das in Scheibchen gelieferte "Bien commun" von Julien Viala. Viala lieferte für das Buch Fotografien, Beobachtungen von Mensch und Kunst im öffentlichen Raum. Die Aufnahmen sind im Buch zufällig sortiert und in einen knapp 70 Zentimeter langen Block gebunden. Wer ein Buch bestellt, für den wird davon ein Stück abgetrennt. "Das Buch als Wurstware", sagt Beuchert dazu. Die Assoziation wird noch unterstrichen, indem die jeweils um die 220 Seiten eingewickelt werden in ein Poster, beschrieben mit einem Essay von John Beeson.

Die Idee, Künstlerbücher zu verlegen, sei in ihrem Kommunikationsdesign-Studium entstanden, erzählt Schlevogt. Schon damals hätten sie Bücher und Kataloge gestaltet, die dann oft nicht verlegt wurden. "Dann dachten wir, machen wir es eben selbst", sagt Schlevogt. 2009 war das, damals waren sie Mitte 20. "Wir haben aus der Leidenschaft für Buchgestaltung - was ja eine Königsdisziplin ist - heraus angefangen", sagt Beuchert. Ihr erstes Buch war die kritische Befragung "What we know", die sie noch komplett selbst gestaltet und produziert haben. 20 Exemplare stellten sie her. Das erste sei für 20 Euro verkauft worden, das letzte für 800 Euro.

Die Stückzahlen sind inzwischen andere, variieren aber, je nachdem, welchen Verkaufserfolg sie einer Publikation zutrauen. Ebenso wechseln sie die Druckerei, suchen danach aus, welche Anforderungen erfüllt werden müssen, welchen Preis sie bekommen. Ein Buchprojekt begleitet immer einer von ihnen, Beuchert und Schlevogt von München aus, Steinbach aus Zürich. Wohl schon allein dadurch ergibt sich - trotz der Nische Künstlerbuch - ein facettenreiches Programm. Beuchert beschreibt dieses als "biografisch-emotional". Es lasse sich daraus ablesen, "wen fand man wann gut, mit wem hing man ab". Was vom Prinzip her nun so wunderbar klingt, hat allerdings einen Haken: "Mit Künstlerbüchern verdient man kein Geld", sagt Schlevogt. "Wir gucken immer, dass wir bei plus, minus null rauskommen." Ihr Einkommen generieren sie daher mit ihrem Designbüro "Parat.cc", auch bei den Projekten dort zeigt sich ihre Neigung zur Kunst, wenn sie etwa die Auftritte vom Kunstevent "Various Others", des Museums Brandhorst oder der Schauburg gestalten.

Ihre Bücher machen sie also - und der Begriff fällt oft - aus Leidenschaft. Das ist auch zu spüren, wenn sie über sie sprechen, ihre Ideen dazu erläutern. Wie sie beispielsweise versucht hätten, an das Papier der Marvel-Comics zu kommen für ihr Heft "M-Maybe", was sie nicht geschafft haben, da es dieses Papier nicht zu kaufen gebe. Wenn Beuchert das sagt, klingt er fast zerknirscht. Oder wenn sie erzählen, wie sie den Bestseller von Eugene M. Schwartz produziert haben. Dass sie an dem Bändchen unbedingt eine bestimmte Naht haben wollten, die für sie letztlich ein Sattler in Bad Cannstatt übernommen habe. Um jede ihrer Publikationen scheint sich da eine Geschichte zu winden mit viel Hingabe zum Detail. Den Geschichten hört man gerne zu, und sie sind den Büchern der Edition Taube anzumerken. Selbst dann, wenn das Äußere wie ein schlichtes Notizbuch daherkommt.

© SZ vom 01.07.2020

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