bedeckt München 23°
vgwortpixel

München:"Dieser Stadt ist nichts heilig"

Unter dem Dach des Forums Lebenswertes München diskutieren Vertreter diverser Organisationen die Folgen des Wachstums und gehen mit der Rathauspolitik hart ins Gericht

Das Unbehagen wächst, die Kritik wird lauter: Unterm Dach des Forums "Lebenswertes München" vernetzen sich Dutzende Initiativen und Organisationen, die sich eine andere Stadtpolitik wünschen. Eine, die mehr Rücksicht auf Grünflächen nimmt, die der Versiegelung und Nachverdichtung Grenzen setzt, die es ernst meint mit der Verkehrswende. Im Fürstenrieder Bürgersaal präsentierten jetzt Vertreter von 37 Gruppierungen aus der ganzen Stadt ihre Programme, vertieften das Thema "Wachstum - die richtige Zukunftsstrategie für München?" in kleineren und einer großen Diskussionsrunde. Die Teilnahme von Staatsminister Michael Piazolo (FW), Landtagsabgeordneten und Stadträten bezeugte, dass dem Forum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Moderatorin Gisela Krupski freute sich: "Wir werden ernst genommen." Und Anke Sponer vom Verein "Verkehrsberuhigung München" sah sich durch die starke Resonanz zu dem Schlusswort ermuntert, die Stadt sei "noch nicht ganz verloren". Sponer warb für eine gesundheitsfördernde, fußgängerfreundliche Stadtgestaltung.

Wohnhochhäuser in München, 2016

Denken die Stadtplaner nur in Beton? Hochhäuser im Wohngebiet an der Forst-Kasten-Allee in Fürstenried.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Ernst zu nehmen sei die Bedrohung der Biodiversität, weltweit wie lokal. So lautete der leidenschaftliche Appell Michael Schrödels. Der Professor von der Zoologischen Staatssammlung München schlug einen Bogen von der Vernichtung des Regenwalds in Brasilien bis in die bayerische Landeshauptstadt, "wo Baurecht vor Baumrecht geht". Schrödl rief die Stadt auf, die Nachverdichtung "sinnvoller zu gestalten" und mehr auf die natürlichen Lebensgrundlagen zu achten. Würden die ökologisch wertvollen Flächen weiterhin im derzeitigen Tempo verschwinden, dürften die noch im Stadtgebiet anzutreffenden 9000 Tierarten bis 2050 um 50 Prozent dezimiert werden, so Schrödl.

Neubaugebiet Domagkpark in München, 2018

Eine Impression aus dem Domagkpark.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Aufmerksamkeit war dem Gewässerökologen und Stadtrat Tobias Ruff (ÖDP) sicher, der "die Zukunft für Münchens Isar" beleuchtete. Der Fluss im Spannungsfeld "zwischen Natur, Event und Kommerz" drohe durch die Achtlosigkeit seiner Nutzer Schaden zu nehmen, sagte Ruff und nannte als negative Erscheinungen die Vermüllung der Ufer sowie die Einleitung von Schadstoffen. Eindringlich warnte der Ökologe davor, dem Drängen einer übersteigerten Freizeitgesellschaft nachzugeben. Ein so genannter Kulturstrand würde der Isar nicht weniger zusetzen als ein Flussbad. Ruffs Fazit: "Dieser Stadt ist nichts heilig, nicht mal die Isar."

Erörterungsveranstaltung zu Nachverdichtung in München Fürstenried, 2017

Künftige Nachverdichtung am Modell im Wohnquartier an der Appenzeller Straße.

(Foto: Robert Haas)

In München hapere es nicht nur am ökologischen Gewissen, sondern auch an einer Strategie zur Bewältigung des städtischen Wachstums, ergänzte Christian Hierneis (Grüne). Der Landtagsabgeordnete und Bund-Naturschutz-Kreisvorsitzende warf Stadtrat und Stadtverwaltung vor, die negativen Folgen der ungezügelten Expansion für die Artenvielfalt, die Luftqualität, den Verkehr sowie die Wasser- und Energieversorgung außer Acht zu lassen. "Im Rathaus denkt man überwiegend in Beton", sagte Hierneis. Hartnäckig würden etwa die Augen davor verschlossen, dass mit den prognostizierten 300 000 Neubürgern bis 2035 auch 117 000 Autos zuziehen dürften. Eine Begrenzung des Wachstums wäre möglich, etwa durch einen Stopp bei der Ausweisung von Gewerbeflächen.

Für Reinhard Sajons vom "Denkmalnetz Bayern" steht ebenfalls fest: Die Stadt schöpfe ihre Möglichkeiten zur Gestaltung einer verträglichen Zukunft nicht aus. Andernfalls würde sie konsequenter Planungsinstrumente wie die Erhaltungssatzung nutzen. Die Rahmenplanung, die demnächst beschlossen werden soll, reiche wegen ihrer Unverbindlichkeit nicht aus. In Wahrheit verweigerten Verwaltung und Stadtrat striktere Regularien, weil ihre Neubauziele sonst ins Wanken gerieten, vermutet er. Sajons Feststellung, ohne politischen Druck werde sich an dieser Haltung nichts ändern, kehrte in der Diskussion mehrfach wieder. Auch der Hinweis auf baldige Kommunalwahlen fehlte nicht. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Politiker auf die Bürger hören", sagte ein Teilnehmer unter breiter Zustimmung. Konform ging der Saal ebenso mit der Feststellung, München sei Weltmeister im Produzieren ökoaffiner Hochglanzbroschüren, leiste in diesem Sinne nur leider wenig. Michael Piazolo bescheinigte dem Forum Lebenswertes München, als Triebfeder der Umkehr auf dem richtigen Weg zu sein: "Nur durch diese Art der Vernetzung erreicht man die Power, um Themen voranzubringen."