München Die Schirmfrau

Hartz IV - Mensch 0.5 - Aufstand 2.0: Die international erfolgreiche Künstlerin Adler A. F. spricht über die aktuelle Ausstellung in der Galerie Luxese, die das Thema Arbeitslosengeld II in den Fokus rückt

interview Von Renate Winkler-Schlang

Hartz IV, wie gemeinhin das Arbeitslosengeld II genannt wird, gibt es bereits seit zehn Jahren. Die von "Trash-Queen" Adler A. F. gegründete Galerie Luxese an der Berg am Laimer Burggrafenstraße 5 widmet diesem "Jubiläum" eine eigene Ausstellung mit dem Titel "Hartz IV - Mensch 0.5 - Aufstand 2.0?". Die schrill-fröhliche, 59-jährige Agnes Felicitas Adler, die meist in Latzhose und fast immer mit ihrem Käppi auftritt, ist in diesem Fall nicht Kuratorin, sondern die "Schirmfrau" für die "ARTgerechte Annäherung". Kann man sich diesem sozial- und arbeitsmarktpolitischen Instrument überhaupt mit Mitteln der Kunst nähern? Ist Adlers "Prösterchen, Herr Peter Hartz!" denn nun ernst gemeint oder ironisch?

Sie sind eine international erfolgreiche Künstlerin. Warum setzt sich gerade Ihre Galerie mit Hartz IV auseinander?

Es stimmt, ich habe viele eigene Projekte, mein Trash Art Museum, das MOCTA (Museum of Contemporary Trash Art), das ich 2008 in einem Hinterhof in einem verschimmelten Raum in Pankow gegründet habe, zieht um, mitten rein in die Hackeschen Höfe. Da muss man immer engagiert sein. Dann habe ich noch eine Gastprofessur in Bordeaux und meine Performances zum Beispiel auf der Art Basel. Ich bin viel auf Flughäfen. Jünger wird man ja auch nicht, ich will mich nicht mehr so reinverbeißen, also lass ich die Jüngeren ran: HP Berndl, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft ver.di Vereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler in Bayern, sowie die Kollegen ANRA Andreas und Ralph Hilbert werden meine kuratorische Arbeit in München in der Galerie Luxese weiterführen. HP Berndl hat für den Anfang das Thema Hartz IV vorgeschlagen. Ich habe gerne zugestimmt - weil Hartz IV ein hochinteressantes Thema ist. Gemeinsam haben wir als Konzept ein ART-Happening daraus gemacht und eine sozio-kulturelle Serie für 2015 entwickelt. Es gibt drei Ausstellungen in diesem Jahr mit gesellschaftspolitischen Themen: Hartz IV, Asyl, Inklusion.

Luxese, der Name ist für Sie "eine programmatisch augenzwinkernde Fusion aus Luxus und Askese". Bei Hartz IV steht wohl letzteres im Vordergrund?

Ich habe mich von Anfang an mit dem Thema befasst, vor zehn Jahren schon fand ich, das kann keine gelungene Arbeitsmarktpolitik sein, wenn jemand Jahrzehnte arbeitet und dann nach nur zwei Jahren schon Hartz IV bekommt. Im Prinzip hatte Herr Peter Hartz vor zehn Jahren wenig Ahnung von der Situation der Menschen, die bedürftig sind. Es findet wieder keine Umverteilung statt. Ein bedingungsloses Grundeinkommen - ich bin da für 1500 Euro, 1000 ist ja in München sowieso zu wenig - wäre viel schöner für die Menschen, das entspräche mehr der Würde: Man kriegt es einfach, und zwar bedingungslos.

Also war das Prösterchen für Herrn Hartz, den "Mann mit den Liebesmädchen", wie es in Ihrem Pressetext heißt, doch eher polemisch gemeint?

Es gibt so viele Künstler, die immer wieder auf diese Leistungen angewiesen sind. Der Schauspieler hat nach dem Tatort keinen Folgeauftrag, der Grafiker wartet auf Kunden, beim Musiker ist nach der Tournee wieder Ebbe: Die ganze Palette der Kreativen hat kein festes Einkommen. Auch viele kranke Menschen bekommen Hartz IV. Ich habe das von Anfang an als empörend wahrgenommen, war auch protestierenderweise auf der Straße bei den Gegendemos gegen den süßen Peter Hartz.

Traum und Plan - so nennt Künstler und Kurator HP Berndl seine Arbeit.

(Foto: privat)

Sie ärgern sich immer noch?

Seit zehn Jahren ist das jetzt Realität. Und man weiß, wie viele Menschen an den Hartzlern verdienen. Man denke nur an die vielen Coaches. Ich kenne einen Künstler, den hat das Arbeitsamt schon vier Mal zu einem Bewerbungstraining verpflichtet. Man ist als Empfänger gezwungen, teilzunehmen.

Klarer Fall von kritikwürdig also?

Ich bin viel in Frankreich unterwegs und in Amerika. Wenn man da keine Arbeit mehr hat, wird man schnell obdachlos, lebt im Auto, da gibt es einfach gar nichts mehr. So gesehen muss ich sagen: Da hat Peter Hartz schon einen Coup gelandet. Immerhin ist das Dach überm Kopf gewährleistet, man muss nicht verhungern. Und man ist krankenversichert. Das ist besser als Gutscheine. Und man muss als Bedürftiger nicht zu den Suppenküchen gehen.

Wie bringt man eine solch differenzierte Betrachtung in einer Ausstellung mit acht verschiedenen Künstlern zum Ausdruck?

Viele Künstler haben uns abgesagt, weil sie selbst Empfänger sind und sich deshalb schämen. Ich hatte mit Berndl interessante Diskussionen zur Frage "Was müssen die Künstler bringen?". Ich habe ihn überzeugt: Ein guter Künstler - und wir haben nur sehr gute eingeladen - hat sein eigenes Thema. Ob er es schafft, den Bogen zu Hartz zu spannen, ist dann zweitrangig: Die Kunst ist frei. Da muss sich niemand was aus den Fingern saugen.

Der Kurator war einverstanden?

Ja, nach langen Diskussionen fand er es dann auch gut, dass alles ergebnisoffen bleibt. Jeder Künstler muss aber wissen, was Hartz IV für die Betroffenen bedeutet. Man soll doch wenigstens ein bisschen googlen. Ich meine das natürlich humorig. Wir haben Vertrauen zu unseren Künstlern.

Haben Sie auch das Vertrauen, dass die Künstler ins trashige Konzept der Galerie Luxese passen? Trash, was ist das überhaupt für Sie?

Ich mag nichts Gefälliges, nichts Mariniertes, sag ich immer, keinen Mainstream. Ich hab auch viele Feinde wegen meines Erfolgs und noch mehr Neider deshalb. Unangepasst müssen die ausgestellten Sachen sein, aus wiederverwertetem Material, außergewöhnlich. Keine Schönmaler! Aber viele der Ausstellenden würden sich selber vielleicht doch nicht als TrashKünstler bezeichnen. Die meisten wollen doch eher gefallen. Es gibt sehr, sehr wenige von meiner Art, mit dieser Chuzpe, diesem Größenwahn, dieser Härte, diesem Selbstbewusstsein. Der Blick auf die Besucher, der ist mir so etwas von wurscht, das war mir immer schon wurscht. Diese Härte kann man aber nicht allen zumuten. Aber in meiner neuen Rolle als Schirmfrau distanziere ich mich auch ein bisschen von dem, was meine Nachfolger kuratieren, denn jeder Kurator hat doch seine eigenen Vorstellungen.

Die Arbeit von Künstler HP Berndl ist ganz im Sinne von Trash-Künstlerin Adler A.F.: ungewöhnlich, nicht angepasst und frech.

(Foto: Florian Peljak)

Und wenn es Ihnen dann nicht passt, wenn es nicht in Ihrem Sinne berührend hässlich ist?

Es steht ja immer irgendwo was rum bei uns in den Burggrafenateliers, auch in den Gängen, im Keller. Drei vier Stunden vorher kann ich noch alleine durchgehen, vielleicht etwas ergänzen, wo es etwas braucht, wo ich gähnende Leere spüre, da installier ich noch was Trashiges. Ich kann auch mit Licht spielen, und mit Schatten, das gibt oft bizarre Verzerrungen. Die Kollegen waren manchmal schon etwas von meinen Interventionen schockiert. Aber mein Kuratorennachfolger HP Berndl - er ist schon ziemlich provozierend und von seiner Sache überzeugt. Da hab ich dann auch Mut zur Lücke, und er kann Erfahrungen als Kurator sammeln.

Wie passen die Grußworte vom Bezirksausschussvorsitzenden Robert Kulzer (SPD) und vom BA-Kulturbeauftragten Hubert Kragler (Grüne) zu dieser Vernissage in der Trash-Art Galerie?

Ich werde mich mit ihnen treffen und ein bisschen Input geben. Das ist ja das Schöne am Robert Kulzer, dass er offen ist. Als SPDler hat er sich sowieso viel damit beschäftigt. Und Hubert Kragler sicher auch.

Was ist Ihre Rolle bei der Vernissage?

Das kommt auf meine Kräfte an, auf die Stimmung. Ich muss in mich reinfühlen, improvisieren. Was alle wissen, das ist langweilig. Vielleicht sag ich dann, dass die meisten Hartz IV-Bezieher Alleinerziehende und ihre Kinder sind. Auf meine performative Art natürlich. Aber die, die zur Adlerin kommen, die wissen sowieso, das wird heftig - ART Happening eben (sie lacht).

Vernissage: Freitag, 24. April, 20 Uhr, Burggrafenstraße 5; Zu sehen: Samstag, 25., Sonntag, 26. April, 15 bis 18 Uhr, Künstlergespräche jeweils 16 Uhr mit ANRA Hilbert, Neno Artmann, Peter Trumpp, Billie von Eicken, Gerhard Winter, Guido Sieber und HP Berndl.