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München:Abhängen in der grünen Blase

Viktoriaplatz

Eine grüne Blase für den Viktoriaplatz: Ideen wie diese haben Paul Heider (rechts), Zoé Ensergueix (Mitte) und Josefine Höck eingebracht.

(Foto: Catherina Hess)

Experten fragen junge Leute nach ihren Vorschlägen für eine jugendgerechte Stadtplanung. Die Teilnehmer bringen vielfältige Ideen ein - zu bekannten Themen wie Wohnen, Barrierefreiheit und zum Umgang mit der Blechlawine

Von Veronika Ebner

"Ein bisschen mehr Zeit wäre gut gewesen, ich hatte noch mehr Ideen, und ich denke, die anderen auch." Josefine Höck blickt dennoch zufrieden auf einen virtuellen Stadtplanungsworkshop für Jugendliche zurück. Die 16-Jährige ist wegen einer körperlichen Behinderung auf einen Rollstuhl angewiesen. Barrierefreiheit ist ihr daher sehr wichtig. Die Veranstaltung des städtischen Planungsreferats in Zusammenarbeit mit dem Sozialreferat fand sie toll, denn so ein Termin sei nahezu die einzige Möglichkeit, wirklich auf sich und ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen. "Ich habe gemerkt, dass ich die einzige im Workshop war, die sich für Barrierefreiheit einsetzt." Personen, die nicht betroffen seien, hätten so etwas meist nicht auf dem Schirm, meint Josefine Höck.

Wünschen würde sie sich vor allem mehr Schwimmbäder mit Lift ins Wasser, aber auch barrierefreie Clubs, die es in München kaum gibt. Rollstuhlgerechte Einrichtungen sind jedoch nicht ihr einziges Anliegen, auch für Umwelt- und Klimaschutz setzt sich Höck ein. Im Workshop "Mein Haus. Mein Viertel. Meine Zukunft... München jugendgerecht planen" fanden sie und etwa 20 andere Teilnehmer zwischen 13 und 19 Jahren Gehör.

Für die städtische Kinderbeauftragte Jana Frädrich ist dabei das A und O, den Jugendlichen gut zuzuhören, um daraus neue Merksätze für den Kriterienkatalog "Kinder- und jugendfreundliches Planen" abzuleiten. Der seit 2000 existierende Katalog soll Verantwortlichen helfen, auch die Anliegen der jüngeren Bevölkerung bei der Stadtplanung im Blick zu behalten. Anstelle eines konkreten Projekts behandelten nun Experten mit den Jugendlichen abstrakte Themen wie Mobilität, Umwelt und Freizeit in Kleingruppen. Einen vierten Punkt durften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst vorschlagen. Sie einigten sich auf das naheliegende Thema Wohnen - das hätten vermutlich auch viele Erwachsene gewählt.

"Mir hat gut gefallen, dass uns nichts groß vorgegeben wurde, sondern dass es direkt um unsere Meinung ging", äußert sich Zoé Ensergueix. Die 15-Jährige hätte auch nichts gegen mehr Zeit einzuwenden gehabt. Die Schülerin des Dante-Gymnasiums interessiert sich schon länger für Stadtplanung und Architektur, auch in beruflicher Hinsicht. "Es war eine super Möglichkeit, seinen Horizont zu erweitern und hat auch mega Spaß gemacht", resümiert Ensergueix. Ihr liegt neben dem Klimaschutz und sozialem Wohnen vor allem die Zusammenarbeit zwischen den Generationen am Herzen. "Jede Generation kann etwas von der anderen lernen, und ich finde, dass man sich gegenseitig ernst nehmen muss", so die 15-Jährige. Der Workshop habe das gut umgesetzt.

Umwelt, Grünanlagen und Müllentsorgung zählen zu den Hauptanliegen von Paul Heider, der bereits in seiner Schule an einem ähnlichen Workshop teilgenommen hat. Der 13-Jährige wünscht sich, dass bei der Stadtplanung mehr auf grüne Plätze für Kinder und Jugendliche geachtet wird und weniger auf Erwachsene und Parkflächen. Für den Schwabinger Viktoriaplatz hat er zum Beispiel das Konzept einer "grünen Blase" entwickelt. Indem man eine Wand aus Hecken und Bäumen pflanzt, könnte man eine gegen den Autoverkehr abgeschirmte Oase mit Parkbänken schaffen, so die Idee.

Die Veranstalter hatten nicht mit derart vielfältigen Vorschlägen gerechnet. "Ich bin total überrascht, in welcher Qualität sich die Jugendlichen in so kurzer Zeit eingebracht haben", sagt Frädrich. Die Herausforderung liege jetzt darin, aus all den angesprochenen Punkten Kriterien zu formulieren, so die Kinderbeauftragte.

Die drei Jugendlichen Höck, Ensergueix und Heider würden sich gerne öfter in Stadtplanungsbelange einbringen. Josefine Höck könnte sich gar ein Bilanzgespräch in ein paar Monaten vorstellen, um zu schauen, welche Vorschläge von Fahrradstraßen bis Müllentsorgung tatsächlich berücksichtigt wurden. Claudia Thiele vom Planungsreferat sieht die große Resonanz auch als Ansporn, derartige Veranstaltungen künftig noch häufiger abzuhalten. Denn Kinder und Jugendliche möchten sich nicht nur einbringen, weiß Jana Frädrich, sie hätten auch ein Recht darauf.

© SZ vom 10.05.2021
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