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Mode von Flüchtlingen: "Endlich werden wir mal nicht nur als Flüchtlinge gesehen"

Mode aus Afrika: Abu Fela (links) stammt aus Guinea, der gelernte Schneider Sulayman Jode kam aus Gambia nach München.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sulayman Jode hat seine erste Kollektion in einer Flüchtlingsunterkunft genäht. Heute veranstaltet er Modenschauen in den angesagtesten Clubs der Stadt.

Von Jonathan Fischer

Kleider machen nicht unbedingt reich. Aber sie können eine Würde verleihen, die einem ansonsten verwehrt bleibt. Das hatte Sulayman Jode schon früh in seiner Heimat Gambia gelernt, wo seine Mutter als Schneiderin arbeitet und den Sohn selbstverständlich an die Nähmaschine ließ.

Als er mit 17 Jahren beschloss, dass dieses Leben ihm keine Zukunft bot, lag das einerseits am brutalen Regime des damaligen gambischen Diktators Yammeh. Andererseits waren Jodes Ideen zu groß für einen Wellblechverschlag. Als er über Libyen und ein italienisches Flüchtlingslager nach München kam, hatte er nicht nur eine Plastiktüte Wechselklamotten mitgebracht. Sondern auch seinen Traum: über selbstgemachte Mode etwas von sich zu erzählen.

Jodes Geschichte hat etwas Märchenhaftes

"They know our story". Sie kennen unsere Geschichte. So titelt Jode jetzt die große Mode- und Musikshow, die er am Freitag mit befreundeten afrikanischen Modemachern ausrichtete. "Endlich werden wir mal nicht nur als Flüchtlinge gesehen", sagt der schmale 21-Jährige und zeigt sein schüchternes Grinsen. Wer hätte schon geglaubt, dass der Schneider die Kollektion, die er in einem kleinen Zimmer eines Münchner Flüchtlingsheims genäht hat, ausgerechnet im Lovelace, einem der gerade angesagtesten Clubs in München, präsentieren würde?

Jodes Geschichte hat etwas Märchenhaftes. Im vergangenen Jahr stellte er fast ohne Budget mehrere Shows auf die Beine. Er gewann professionelle schwarze Models als Mitstreiter - und Münchner Club-Betreiber, die ihm wie Michi Kern bereits vor der offiziellen Eröffnung des Lovelace ihre Türen öffneten. "Ich war begeistert, mit wie viel Schwung diese Jungs aus einer schwierigen Situation heraus ein großartiges Projekt auf die Beine stellen", sagt Kern.

Das mag an Jodes Ehrgeiz liegen - der Schneider hat nebenbei noch an der preisgekrönten Radioshow "Message For Refugees" mitgewirkt und die HipHop-Band "One Corner" gegründet. Darüber hinaus teilt der junge afrikanische Modemacher seinen Erfolg gerne mit anderen. So wirken die gambischen DJs und Rapper Paali, Marcus und Jarck Boy regelmäßig an seinen Shows mit. Mowlid, ein junger Somalier, gestaltet den Internetauftritt. Und auch manche der Models sind Geflüchtete. Nun hat Jode noch zwei Modemacher-Kollegen dazu geladen: Abu Fela aus Guinea und den senegalesischen Designer Ousmane Diao.

"Um dann einen Tick Afrika rein zu schneidern"

Diao, ein höflicher junger Mann mit Rastalocken nennt sich als Modemacher "Rubs Sty". Rubs oder Rubes, erklärt er bei einer Teerunde, sei die Verballhornung eines deutschen Fußballers: Horst Hrubesch. "Ich spielte ähnliche Kopfbälle wie er und wir hatten beide diese schmalen Augen", sagt der 36-jährige und lacht. Ob HSV oder FCB, Deutschland habe es gut mit ihm gemeint. Der Senegalese erzählt vom Grünwalder Helferkreis, der ihm ein Atelier besorgt und Modeschauen organisiert habe. Eine Professorin lud ihn als Referent in ihr Seminar über afrikanische Mode. "Dabei habe ich selbst nie eine Universität besucht". Diao ist immer noch sichtlich beeindruckt.

Im Jahr 2005 hatte er sich mit einer Gruppe von achtzig Fischern in eine Piroge gezwängt, um der wirtschaftlichen Hoffnungslosigkeit Senegals zu entfliehen. Nach acht Tagen landeten sie an der Küste Teneriffas. Die Sommer über arbeitete Diao auf spanischen Oliven-Plantagen, im Winter als Verkäufer auf den Straßen von Saragossa: "Ich verkaufte Jacken und Taschen von Gucci, Prada und Louis Vuitton. Das waren natürlich Fälschungen." Ironie der Geschichte, dass er heute maßgeschneiderte Unikate unter eigenem Namen anfertigt. Die Wirtschaftskrise in Spanien brachte Diao schließlich nach München. "Wenn ich abends mit selbstgenähtem Hemd, Jacke und Rucksack in den Club ging, hatte ich danach stets ein paar Bestellungen zusammen."

Heute verfolgt Rubs Sty ein ähnliches Modekonzept wie sein Kollege Jode: Er kombiniert westliche Schnitte mit aus Dakar importierten Stoffen. Vernäht Khaki- und Jeans-Stoffe mit bunt gemustertem Wachsdrucktüchern. Appliziert typisch afrikanische Ornamente auf Hemden, Mäntel und T-Shirts. "Wir schauen uns an, was die Leute tragen. Um dann einen Tick Afrika rein zu schneidern." Diaos Vision für seine Zukunft lautet: Als Designer für eine große deutsche Modemarke zu arbeiten. Jode möchte dagegen erst einmal seine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann durchziehen: "Das wird mir helfen, meine eigene Mode zu vermarkten". Der Zeitgeist scheint für die jungen Afrikaner zu arbeiten. Design vom schwarzen Kontinent ist im Kommen. Luxusmarken wie Louis Vuitton setzen auf Masai-Muster und afrikanische Waxprint-Optik. Selbst Ikea hat für nächstes Jahr eine von afrikanischen Designern entworfene Kollektion angekündigt.

Wie kommt ein S-Bahn-Lokführer zur Mode?

Abu Fela wusste das alles noch nicht, als er vor zwei Jahren mit seinem Cousin "Out Of The Motherland" gründete. Afrika, sagt er, habe ihn lange kaum interessiert. Der hochgewachsene junge Mann mit dem wiegenden Boxer-Gang - er ist mit dem TSV 1860 München amtierender bayerischer Meister im Mittelgewicht - war als Zehnjähriger im Zuge eines Familiennachzugs zum Vater nach München gekommen. Seit zwei Jahren arbeitet er als S-Bahn-Lokführer - der erste schwarze in München, wie Fela sagt. Wie aber kommt ein Lokführer zur Mode?

Fela erzählt, dass ihm, der zu Hause mit deutschen Sportidolen, Schnitzeln und Knödeln aufgewachsen war, etwas fehlte. "Ich bin dankbar für all die Chancen, die ich hier habe. Aber wo blieb mein afrikanisches Erbe?" Eine Modemarke, das war für ihn die Lösung. Der Name "Straight Out Of The Motherland" schmückt nun zusammen mit einem Afrika-Umriss Trainingsanzüge und Käppis. Abu hat auch eine Marketing-Strategie: Er stattet schwarze Prominente aus und erregt damit in sozialen Medien Aufmerksamkeit. Jerome Boateng etwa oder der nigerianische HipHop-Musiker Davido tragen schon "Out Of The Motherland"-Mützen. "Als nächstes", sagt Fela, "wollen wir die Produktion aus Deutschland nach Afrika verlegen".

Ein positives Bild von Afrika vermitteln, das haben sich alle drei Modemacher zum Ziel gesetzt. Jode, Diao und Fela geht es dabei um mehr als Stoffe und Schnitte. So hat Sulayman Jode gerade das Kollektiv "Mad Music Design" gegründet: In ihm arbeiten Designer, Grafiker, DJs und Musiker mit Fluchthintergrund zusammen, um ihre Ideen in die Münchner Kulturszene zu tragen.

Am 11. Januar ist bereits die nächste Modeshow geplant, diesmal im Backstage. Begleitet vom gambischen Koraspieler Manding Morry - Kora ist eine westafrikanische Stegharfe - kommt dort afrikanisch inspirierte Club-Mode auf den Laufsteg. Wie immer geht damit auch eine Botschaft einher. Als Jode vor einem Jahr einen Abschiebungsbescheid bekam - er hängt inzwischen im Widerspruchsverfahren - wäre er beinahe an seiner neuen Heimat Deutschland verzweifelt. Jetzt sagt er, wolle er die Skeptiker unter den Deutschen überzeugen. "Wir kommen nicht hierher, um etwas zu nehmen. Wir wollen auch etwas geben."

© SZ vom 29.12.2017

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