Neue Heimat Wenn das Krankenhaus einem Vier-Sterne-Hotel gleicht

Die medizinische Versorgung in Deutschland ist erstklassig.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Zwei Wochen im Krankenhaus waren für unseren Kolumnisten aus Nigeria der reine Luxus - auch, weil die Gesundheit vor der Rechnung kommt.

Kolumne von Olaleye Akintola

Es ist wie in einer riesigen Villa, erhaben wie in einem Hotel. Charmante Rezeptionisten mit einem ansteckenden Lächeln begleiten den Neuankömmling in sein Zimmer, wie ein Team von Stewardessen in blauen und weißen Kostümen, die nur darauf warten, ihren Gästen etwas Gutes zu tun. Welch eine überwältigende Erfahrung, sich plötzlich in einem Vier-Sterne-Hotel wiederzufinden. Dabei hatte das Hotel gar keine vier Sterne. Es war auch gar kein Hotel.

Tatsächlich war ich in einem Krankenhaus gelandet, und meistens wollen die Menschen da ja möglichst schnell wieder weg. Mit den gekochten Speisen, den sauberen Betten, der Fürsorge der Krankenpfleger ertappte ich mich in den Tagen vor meiner Entlassung jedoch bei dem Gedanken, dass ich es hier durchaus noch länger aushalten würde. Zwei Wochen im Krankenhaus waren für mich wie Luxus.

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Allein die Gastfreundschaft der Mitarbeiter dürfte geholfen haben, dass ich mich erholt habe; es war ja durchaus ernstzunehmen, das hatte mir mein Arzt zu verstehen gegeben. Klar, vielleicht hatte ich mit dieser Klinik besonderes Glück. Und doch ist mein Eindruck, dass die Deutschen es mit ihren Krankenhäusern nicht so schlecht erwischt haben.

Bei all der Wärme und Güte, die ich erfahren habe, frage ich mich nun, wie es sein kann, dass viele Münchner über das Gesundheitssystem in diesem Land schimpfen. Wahrscheinlich, weil es sich über die Jahre immer mehr zum Zweiklassensystem entwickelt hat. Und doch ist es auch eine Frage der Perspektive. Für jemanden wie mich, der bis vor gut zwei Jahren in Nigeria lebte, ist die zweite Gesundheits-Klasse in München weit über der Königsklasse in Nigeria anzusiedeln. Wann immer ich dort krank war, egal ob als Kind oder als Erwachsener, habe ich schlechte Erinnerungen daran.

Die Unterschiede sind enorm, ganz abgesehen davon, dass in Nigeria so gut wie niemand krankenversichert ist, und Behandlungen entsprechend teuer werden: In München wird man dreimal am Tag bedient, man kann sich aus verschiedenen Speisen ein Menü zusammen stellen. Wo ich herkomme, bringen sich die Patienten hingegen ihr eigenes Essen ins Krankenhaus mit. Hier husten Menschen, weil sie die Grippe haben, in Nigeria riecht es auf den Gängen nach Malariaspritzen. In Bayern ist die Kälte das Problem, in Afrika die Wärme.

Wie konnte es also passieren, dass ich mich hier in Deutschland mit Malaria anstecke? Schwer zu sagen, vielleicht die afrikanischen Gene. Klar wurde nur, dass Deutschlands Krankenhäuser auch nicht perfekt sind, wer ist das schon. Ich meine in den Gesichtern der Ärzte und Schwestern Panik erkannt zu haben, als meine Diagnose kam. Die Doktoren isolierten sich mit Schürze, Mundschutz und Handschuhen, immer wenn sie mich besuchten. Dabei ist Malaria viel weniger ansteckend als bayerische Grippe-Viren, weil das Fieber nicht vom Menschen übertragen wird, sondern von der Mücke.

Ich wunderte mich also, es kam mir wie eine Überreaktion vor, oder wie man hier sagt, als wenn aus einer Mücke einen Elefant gemacht wird. Es war es ein irritierendes Gefühl, als sie mich in den Quarantäne-Bereich brachten. Man sollte das aber nicht verurteilen, wo doch viel über Afrikaner berichtet wurde, die mit leicht übertragbaren Krankheiten wie Ebola nach Europa einreisten. Am Ende geht es darum, dass die Menschen gesund werden, egal ob an normalen Tagen oder am Weihnachtsabend. Vielleicht ist genau das die Stärke des deutschen Systems, dass hier erst einmal die Gesundheit kommt, und erst danach die Rechnung.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

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Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.