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Mitten im Lehel:Die Zeit verrinnt

Durch Corona hat sich viel verändert, aber wer eine Hausarbeit schreiben muss, wird schmerzhaft daran erinnert, dass leider die tickende Uhr auch durch ein Virus nicht zum Stillstand gebracht wird

Glosse Von Ilona Gerdom

Hausarbeiten zu schreiben hat noch nie besonders viel Spaß gemacht. In der Pandemie ist es zäher denn je. Das Recherchieren und Formulieren ist eine einsame Angelegenheit geworden. Früher - also vor einem Jahr, in der Uni-Zeitrechnung vor zwei Semestern - da konnte man sich immerhin noch in der Bücherei treffen, sich austauschen, Fragen stellen, Pausen einlegen, hier und da ein bisschen ratschen. Abends gab es als Belohnung öfter mal ein bis fünf Bier. Zugegeben, das machte es nicht leichter, sich am nächsten Tag auf Bourdieus oder Foucaults Theorien zu konzentrieren.

Ob mit oder ohne Kater, Bib-Tage fingen meistens gleich an: Man traf sich vor der Fachbibliothek am Englischen Garten, stürzte den letzten Rest Kaffee runter, klagte darüber, dass die Abgabe bald anstehe, und gelobte, beim nächsten Mal früher anzufangen. Nachdem man Jacken und Taschen in den Spinds im Foyer verstaut hatte, saß man im ersten Stock zwischen den Bücherregalen. Still und heimlich fluchte man vor sich hin, verteufelte das Thema und vor allem das nicht vorhandene eigene Zeit-Management.

Aber wenigstens war man damit überhaupt nicht alleine. Vor, neben und hinter einem saßen die Kommilitoninnen und Kommilitonen mit dem gleichen angestrengten, leicht verbitterten Gesichtsausdruck, der sich immer dann einstellt, wenn das Ende der Bearbeitungsfrist schon viel zu nah ist. Alle waren im Wettlauf mit der Zeit, und es war unübersehbar: Sie hinkten hinterher.

Wegen Corona war die Bibliothek dann eine Zeit lang ganz zu. Mittlerweile darf man wieder rein. Mit FFP2-Maske und Abstand. Auf den Tischen im Lesesaal stehen Aufsteller mit Nummern - man muss den Platz jetzt vorher online reservieren. Dabei sitzen nur vereinzelt Studentinnen und Studenten über Laptops gebeugt im Saal. Wenige kommen überhaupt noch her, die meisten arbeiten zu Hause. Da ist die Infektionsgefahr geringer. Vielleicht verfängt man sich dort auch nicht so leicht in der Vor-Corona-war-alles-besser-Schleife. In Erinnerungen zu schwelgen kostet nämlich Zeit. So ein Tagtraum kann schon mal 30 Minuten dauern. Und die fehlen jetzt natürlich wieder für die Hausarbeit.

© SZ vom 22.04.2021
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