bedeckt München 16°

Mitten im Lehel:Die neue Zeitrechnung

Zu Hause war die Tochter meist unordentlich. Jetzt ist sie ausgezogen und hat sich grundlegend gewandelt. Hat man vielleicht etwas falsch gemacht all die Jahre?

Von Nicole Graner

Es ist doch ein ganz komisches Gefühl! Auch wenn man als Mutter dachte, dass der Auszug des Sohnes nach Regensburg wegen des Studiums vor einigen Jahren schon eine gute Gefühlsübung gewesen ist. Nein, es ist noch einmal etwas anderes, noch ein bisschen trauriger, wenn die Tochter geht. Was heißt geht! Es ist gut, wenn sich Kinder aufmachen in ihr ganz eigenes Leben, sich loslösen. Wichtig sogar. Auch für die Eltern. Was die häusliche Ordnung betrifft zum Beispiel. Wäscheberge, die irgendwo herumliegen. Schuhe unter dem Schreibtisch, Kopfhörer auf der Toilette. Oder gebrauchtes Geschirr, das irgendwie nur selten den Weg in den Spüler fand. Im Zimmer Chaos, selten ein gemachtes Bett. Die Bitte, doch mal die Pflanzen zu gießen, wenn man der Tochter die Wohnung sturmfrei hinterließ, wurde meist mit Gemaule beantwortet: "Ach, Mami, ich kann das nicht. Ich habe keinen grünen Daumen." Stimmt. Entweder zu viel gegossen oder zu wenig. Und überhaupt - Blumen kaufen: "Muss das denn sein?"

Nun. Ein bisschen ahnte man es vielleicht schon. Ob es anders werden könnte, wenn das Töchterlein eine eigene Bude hat? Tatarata! So ist es tatsächlich. Kaum zu glauben. Seit die 22-Jährige liebevoll ihr Zimmer im Lehel eingerichtet hat, beginnt eine neue Zeitrechnung: die Ära des Planens, Einkaufens, Kochens und Waschens, alles selbst. Und was soll man sagen? Immer wenn man sie besucht, ist das Bett gemacht, sind die Kleider im Schrank aufgehängt und sortiert, ist das Geschirr in der Küche gewaschen. Und das Allerbeste: Vor Kurzem rief die Tochter an und fragte doch glatt, wie man Kräuter pflanzt. Wie bitte? Eine Woche später plötzlich große Aufregung: "Mami, weißt Du, was passiert ist?" Kurz die Mama-Sorge am Telefon, es könnte wirklich etwas passiert sein. Dann die Antwort: "Die Kräuter keimen. Das macht mich so glücklich!"

© SZ vom 03.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite