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Milbertshofen/Am Hart:"Damit so was nicht wieder passiert"

Dort, wo am 20. November 1941 tausend Münchner Juden zur Fahrt in den Tod getrieben wurden, gedenken 250 Menschen dieser Schicksale - auch viele, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind

Die Menschen verstummen, als der Gesang des Rabbiners erklingt. Die hebräischen Klänge schweben über die Köpfe hinweg und prallen ab an dem hohen Gemäuer. Wo heute eine moderne Glasfassade der Volkshochschule in die Höhe ragt, standen vor fast 80 Jahren die Holzbaracken. Ein Lager für Tausende Juden aus ganz Bayern. Der letzte kalte und feuchte Ort, an dem sie ausharren mussten und warten, auf die letzte Zugreise in den sicheren Tod. Das klagende Lied erinnert an die Ungezählten, die schweigende Menge an die Tausend. Die tausend Ersten, die hier an der Troppauer Straße in jener kalten Nacht am 20. November 1941 zusammengepfercht und auf den Marsch zum Güterbahnhof geschickt wurden. Keiner von ihnen kehrte jemals zurück.

Gegen Rassismus und Antisemitismus: Gedenken an die erste Deportation der Münchner Juden. Die Teilnehmer marschieren von St. Gertrud, Weyprechtstrraße 75, zum Standort das ehemaligen Zwischenlagers für jüdische Mitbürger, die zur Deportation anstande

Menschen aller Altersstufen sind gekommen, um an die Deportation vor 78 Jahren zu erinnern.

(Foto: Florian Peljak)

Etwa 250 Menschen stehen am Donnerstagabend auf dem Rasen vor der Glasfassade, dort, wo früher der Stacheldrahtzaun stand. Sie sind zusammengekommen, um an die erste große Deportation der Münchner Juden in ein Vernichtungslager in Kaunas zur erinnern. Und der jüdischen Gemeinde Beistand zu zeigen, nachdem eine Nacht zuvor die Scheiben eines israelischen Restaurants in Haidhausen eingeworfen worden waren. "Wir versprechen euch, wir werden euch nicht alleine lassen", sagte Ursula Kalb, eine der Veranstalterinnen des Gedenkens. Die Worte waren an Charlotte Knobloch und Rabbiner Shmuel Aharon Brodman von der Israelitischen Kultusgemeinde München (IKGM) gerichtet, die ebenfalls gekommen waren.

Gegen Rassismus und Antisemitismus: Gedenken an die erste Deportation der Münchner Juden. Die Teilnehmer marschieren von St. Gertrud, Weyprechtstrraße 75, zum Standort das ehemaligen Zwischenlagers für jüdische Mitbürger, die zur Deportation anstande

Die christliche Gemeinschaft Sant’Egidio organisiert Erinnerungsmarsch.

(Foto: Florian Peljak)

Und noch ein mutmaßlich antisemitischer Vorfall überlagerte die Versammlung: In der Nacht zum Dienstag hatten Unbekannte eine Gedenkstele an der Clemensstraße 41 beschmiert, die die Stadt tags darauf einweihen wollte. Sie ist dem Historiker Samuel Strich gewidmet, einem der Opfer der brutalen Deportation vom 20. November 1941. "Wir erleben wieder, wie der Antisemitismus seine hässliche Fratze zeigt. Das muss uns an die Zwanzigerjahre erinnern", sagte Knobloch, Präsidentin der IKGM. Zuvor hatte sie unter Tränen ihrer Großmutter gedacht, die in Theresienstadt ermordet worden war. Für den Münchner Stadtrat sprach Katrin Habenschaden (Grüne): "Mir wird schlecht vor Wut und Sorge. Solche Taten erinnern an Münchens dunkelste Tage", sagte sie.

Gegen Rassismus und Antisemitismus: Gedenken an die erste Deportation der Münchner Juden. Die Teilnehmer marschieren von St. Gertrud, Weyprechtstrraße 75, zum Standort das ehemaligen Zwischenlagers für jüdische Mitbürger, die zur Deportation anstande

Die Teilnehmer mahnen zum Frieden.

(Foto: Florian Peljak)

In einem Gedenkmarsch ziehen die Teilnehmer von der katholischen Kirche Sankt Gertrud an der Weyprechtstraße bis vor das ehemalige Lagergelände, auf dem heute die U-Bahnhaltestelle Am Hart liegt. Sie halten Kerzen und schwarze Schilder in den Händen, auf denen die Namen von Vernichtungslagern stehen: Dachau, Sobibor, Majdanek, Ravensbrück. Den Demonstrationszug führt eine Gruppe Kinder an, von denen viele als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Einer von ihnen ist der 14-jährige Iraner Kamran. "Hier wurden 1941 Juden in einen Zug reingesteckt. Ich bin hier, damit so was nicht wieder passiert. Auch nicht mit Christen, Muslimen oder Dunkelhäutigen", sagt er.

Eingeladen hat ihn die christliche Gemeinschaft Sant'Egidio, die den Erinnerungsmarsch organisiert. Sie betreibt die Friedensschule, eine Samstagsbetreuung, zu der viele Flüchtlingskinder gehen. Dort haben die Pädagogen zuvor das Thema Holocaust mit den Kindern besprochen, sagt Ursula Kalb, Gründungsmitglied von Sant'Egidio in Deutschland. "Wir haben den Kindern Fotos gezeigt und die Geschichte der jüdischen Münchner erzählt", sagt sie. "Die Schüler haben ganz gebannt reagiert und waren ganz still. Meist steht die eine Frage im Mittelpunkt: Das Warum." Eine Arbeit, die viele wichtige Fragen aufwirft - auch die nach der deutschen Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft. Und das durchaus mit Erfolg, wie ein Blick in die Versammlung zeigt. Denn nicht nur die Kinder in der ersten Reihe, auch viele Erwachsene haben einen afrikanischen oder arabischen Hintergrund.

Dass der Gedenkmarsch keine Veranstaltung derjenigen ist, die schon immer hier wohnten, liegt auch an dem regen Austausch, den die Gemeinschaft mit anderen Konfessionen pflegt. Neben Suppenküchen für Obdachlose und der Hilfe für ärmere Menschen engagiert sich Sant'Egidio auch aktiv in der Flüchtlingshilfe. Die Gemeinschaft ist eine Laienbewegung innerhalb der katholischen Kirche, die mehrere Zehntausend Mitglieder zählt und in etwa 70 Ländern tätig ist. Gegründet wurde die Gemeinschaft 1968 vom italienischen Geschichtsprofessor Andrea Riccardi, einem Vertrauten von Papst Johannes Paul II. Seit Jahrzehnten gehört für Sant' Egidio auch die Erinnerung an den Holocaust zu den zentralen Themen. Gedächtnisveranstaltungen zur Deportation von Juden fanden bereits in Dutzenden europäischen Städten statt, nun soll auch in München daran erinnert werden. Der Gedächtnismarsch am Donnerstagabend war dafür der Auftakt. Künftig soll er jedes Jahr stattfinden, sagt Kalb. "Die Erinnerungskultur wird immer wichtiger. Wir merken bereits, dass diese Vergangenheit bei den Jugendlichen in immer weitere Ferne rückt." Das bestätigt auch Ingbert Josef Jilg. Der 25-Jährige hatte gut drei Dutzend Freunde zu der durchaus altersgemischten Veranstaltung eingeladen, aber nur einer ist gekommen. "Die meisten in meinem Alter fühlen sich von der Geschichte nicht betroffen. Für sie ist es rein historisch, ohne Bezug zur Gegenwart", sagt er. Er selbst aber ist von dem Gedenken beeindruckt. Ähnlich wie der Diakon von Sankt Gertrud, Paul David, 66 Jahre alt. Für ihn ist auch der Bezug zum Viertel wichtig: "Bis zu dieser Veranstaltung habe ich nichts von dem Lager gewusst. Erst heute ist es mir erst wirklich bewusst geworden."

© SZ vom 23.11.2019
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