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Migranten in München:"Bin ich jetzt museumsfähig?"

Afrikanische Arbeiter in München, 1967

Münchner Migranten: Zwei Bauarbeiter im Jahr 1967 auf der Baustelle des Bürogebäudes des Süddeutschen Verlages am Färbergraben.

(Foto: Fritz Neuwirth)

Ob Au-pair oder Pflegekraft, Ingenieur oder Tagelöhner: Vier von zehn Münchnern sind im weiteren Sinne Migranten. Bislang ließ das die Stadt und ihr Museum ziemlich kalt. Jetzt ändert sich das endlich mit einer Ausstellung.

Von Bernd Kastner

Unscheinbar wirkt das Instrument, das da in der Vitrine gleich links vom Eingang liegt. Vielleicht würde es kaum ein Besucher beachten, hinge über der Pontischen Lyra nicht dieses große Foto. Es zeigt Theodoros Boulgarides. Ihm gehörte das Streichinstrument, er hatte es in seinem kleinen Laden an der Wand hängen, als eine Art Souvenir aus Griechenland. Seine Vorfahren stammen aus der Region Pontos am Schwarzen Meer. Boulgarides wurde am 15. Juni 2005 vom Nationalsozialistischen Untergrund in seinem Laden im Westend ermordet. Seit seinem zehnten Todestag liegt sein Instrument im Foyer des Stadtmuseums.

Die Lyra ist das erste Stück einer Sammlung, die fortan die Geschichte der "neuen" Münchner vermitteln soll. "Migration bewegt die Stadt" ist das Vorhaben überschrieben, das so selbstverständlich wie überfällig ist. Stadtmuseum und -archiv arbeiten zusammen, um Dokumente und Objekte aus der Zeit nach 1945 zu sammeln und auszustellen. Die eigenen Bestände wollen sie sichten und Institutionen um Material bitten. Der Bayerische Flüchtlingsrat und das Griechische Haus haben schon ihre Bereitschaft signalisiert. Die Pontische Lyra erzählt von zwei Heimaten, vom Bleiben und vom Alltag, aber auch von der Ablehnung, von einem Rassismus, der den Tod brachte. Im November soll das Instrument Teil eines neuen Moduls der Dauerausstellung sein, "Typisch München!" heißt die. Wo wären die Migranten besser aufgehoben als unter diesem Titel?

Die Wiesn ohne Ausländer wäre nicht die Wiesn

Das Haus am Jakobsplatz ist eines der ersten Stadtmuseen in Deutschland, das die Geschichte der Migration systematisch aufgreift und so eine große Lücke füllt. Das geht auf einen Antrag der Grünen im Rathaus zurück, für zunächst vier Jahre hat der Stadtrat zweieinhalb Forscherstellen bewilligt. Nicht in irgendeiner Ecke irgendeiner Ausstellung soll die Migration ein Plätzchen bekommen, sie soll Querschnitts- und Leitthema werden, integriert in das traditionelle Selbst- und Fremdbild dieser Stadt, das zwischen Oktoberfest und Olympia changiert. Wer denkt schon dran, dass unterm Zeltdach viele Migranten schufteten und die Wiesn ohne Ausländer, vor und hinter den Kulissen, nicht die Wiesn wäre?

Die Geschichte Münchens lässt sich nicht verstehen ohne das Wissen um das Wirken der Migranten, da sind sich Isabella Fehle und Michael Stephan, die Chefs von Stadtmuseum und Stadtarchiv, einig. Rückblickend ist es das Eingeständnis, dass München über Jahrzehnte seinen Migranten einen Platz in den beiden "Gedächtnishäusern" vorenthalten hat.

Chiffre für das Ankommen in München: Gleis 11

Sie wollen, sagen die jungen Wissenschaftler Natalie Bayer, Hannah Maischein und Philip Zölls, die Geschichten hinter den bekannten Bildern, hinter den Klischees hervorholen, gegen den Strich bürsten, neue Perspektiven finden. Beispiel Gleis 11. Das ist für viele eingesessene Münchner die Chiffre für das Ankommen der Gastarbeiter am Hauptbahnhof seit den Fünfzigerjahren. Was aber verbinden diese selbst mit ihrer Ankunft? Vielleicht eher die Treppe in den Bunker unterm Bahnhof, wo sie registriert wurden. Für manchen Gastarbeiter war das so bedrohlich und traumatisierend, dass er gerne gleich wieder heimgefahren wäre.

Überhaupt ist die Geschichte der Migration auch eine der Reibung. "Wir bemühen uns nach Kräften, den Bahnhof ,rein' zu halten, aber für einen Ausländer oder unliebsamen Gastarbeiter, den wir endlich ( . . . ) loswerden, kommen zehn andere." Das sagte 1966 der Chef der Bahnpolizei in einem Interview. "Der Ärger, den wir ständig mit den Ausländern haben, steht uns bis obenhin, aber schließlich sind sie keine Untermenschen, und wir können doch nicht SS-Methoden anwenden, um das Problem zu lösen."

Heute kommen an diesem Bahnhof Flüchtlinge an, zu Tausenden, und heute ist den Behörden an einem anderen Empfang gelegen. Wer bleibt, wird statistisch einsortiert: In die Gruppe der "Ausländer" oder in die Gruppe der "Menschen mit Migrationshintergrund". Vier von zehn Münchnern sind im weiteren Sinne Migranten.

Früher untergetaucht, heute sorgt er für Tagelöhner

Und jetzt sind sie also im Museum und im Archiv angekommen, auch das dürfte Anlass für Diskussion sein. "Bin ich jetzt museumsfähig?" fragt zum offiziellen Auftakt des Projekts Savas Tetik. Er ist einst als junger Mann zum Studieren aus der Türkei gekommen, die neue Heimat wollte ihn nicht haben, also ist er untergetaucht, lebte Jahre unsichtbar. Heute, längst etabliert, sorgt er für Tagelöhner am Hauptbahnhof. Sollen, dürfen Biografien wie seine ausgestellt werden?

Migranten in München: Die Zahlen

610546 Menschen lebten Ende 2014 laut statistischem Amt in München, die einen ausländischen Pass oder Migrationshintergrund haben. Das entspricht 41 Prozent.

56,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben Migrationshintergrund oder einen ausländischen Pass. Das waren Ende 2014 mehr als 122 000 Minderjährige.

184 Nationen sind in München vertreten. Die größte Gruppe bilden die Türken (circa 39 000), gefolgt von Kroaten (29 000), Griechen und Italienern (je etwa 26 000)

Als Zeichen der "Wertschätzung" will Fehle die "Musealisierung der Migration" gewertet wissen, als Schatz in den "Schatzhäusern" der Stadt. "Das Wichtigste ist zu reden", sagt Museums-Mitarbeiterin Maischein. Nicht über die Migranten, sondern mit ihnen: Zuhören, Vertrauen gewinnen, Erinnerungen sammeln, ihre Wünsche berücksichtigen, wie Zuwanderung darzustellen ist. Oral History ist Teil des Projekts, Zölls will Gespräche mit Migranten dokumentieren. Und er will eine "Topografie der Migration" erarbeiten, um Interessierte durch die Stadt zu lotsen.

Vielleicht startet der Lehrpfad in der Siedlung Ludwigsfeld, wo die Alliierten im ehemaligen Außenlager des KZ Dachau nach dem Krieg "Displaced Persons" einquartierten. Er könnte an einem der Elendshäuser der Gegenwart vorbeiführen, wo Vermieter Osteuropäer ausbeuten. Eine Station müsste das Eine-Welt-Haus sein, diese Institution der Vielfalt. Und vielleicht endet der Pfad im Süden, in den Villenvierteln von Solln. Auch dort leben Migranten, auch wenn sie kaum auffallen. "High skilled Migrants" sind auch Zugewanderte, ebenso wie die Au-pairs oder die Pflegekräfte in den Haushalten. Sie alle verbindet mit dem selbständigen Gemüsehändler aus dem Westend und dem Fließbandarbeiter bei BMW, dass sie Motor einer modernen Stadt sind.

© SZ vom 11.07.2015/lime

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