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Meine Woche:Stadtverbesserer unter Strom

(Foto: Privat)

Maximilian Steverding sperrt die Schwanthalerstraße - für einen Tag

Von Birgit Lotze

Hinter dem "Referat für Stadtverbesserung" steckt keine Behörde, sondern ein Team von sechs Architektur- und Urbanistikstudierenden, die sich im Winter am Lehrstuhl für Urban Design an der Technischen Universität (TU) München im Semesterprojekt "Take back the Streets!" getroffen haben. Zunächst ging es Maximilian Steverding und seinen fünf Mitstreitern - drei Frauen, zwei Männer - um ein autofreies München, dann um Parklets - Stadtmöbel auf Parkplätzen, die den Menschen mehr öffentlichen Raum geben sollen. Nun gibt es derzeit viele Initiativen, die sich um die Stadtmöblierung kümmern, doch das Referat für Stadtverbesserung gibt sich provokant, ideenreich und hat den Green-City-Wettbewerb "Gestalte deine Stadt" gewonnen. Inzwischen verfolgen die Stadtverbesserer die Vision, ganze Straßen neu zu denken. Am nächsten Sonntag werden sie für ihr Projekt "100 Meter Zukunft" die Schwanthalerstraße vor den Hausnummern 58 bis 90 sperren, neu möblieren, auch virtuell, und ein autofreies Stadtleben simulieren.

Steverding wird dazu schon am Montagnachmittag auf der Schwanthalerstraße in einer Parklücke nahe der Sonnenstraße mit zwei Mitstreitern einen mobilen Stammtisch aufbauen, ausgerüstet als fahrbarer Baum, und Reaktionen der Straßennutzer provozieren. Am Dienstag wiederholt er die Aktion - der Baum wandert danach jeden Tag höher Richtung Westend. Gespräche mit Passanten, Auto- und Radfahrern, Anwohnern und dort arbeitenden Menschen sollen unterschiedliche Perspektiven einfangen. "Wie nehmen sie die Straße wahr, was schätzen sie, was stört?" Am Mittwoch ist Schichtwechsel, von da an wird er vor dem Eine-Welt-Haus Elemente für den Aktionstag bauen, Helfer und Initiativen koordinieren.

Freitag und Samstag will er sein Material unweit der Schwanthalerstraße lagern, damit es am Sonntagfrüh für den Aufbau griffbereit ist. Auch muss er zu einer Baumschule nach Gilching, Pflanzen ausleihen. Und er fährt bei Freunden vorbei, die am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur künstliche Bäume gebaut haben. Der Sonntag wird lang: Um 14 Uhr sollen die 100 Meter Zukunft mit einem Pop-up-Kino stehen, "eine konkrete Gegenwelt", die in einem "dialogischen Prozess" weiterentwickelt werden soll - eventuell mit Ergebnissen, die später tatsächlich umgesetzt werden. Derzeit verspürt der Stadtverbesserer Nervenkitzel. "Der Weg ist klar. Aber wo es hinführt, ist alles ungewiss." Von 20 Uhr an wird die "temporäre Neuordnung" wieder abgebaut, Maximilian Steverding sieht sich noch weit nach Mitternacht die Schwanthalerstraße fegen.

© SZ vom 17.08.2020

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