Manipulierte Rechnungen:"Ich habe mir nichts Böses gedacht"

Lesezeit: 2 min

Ein Alternativmediziner soll 600 Privatpatienten mit erlogenen Rechnungen um rund 1,1 Millionen Euro geprellt haben. Doch bislang zeigt er sich uneinsichtig.

Alexander Krug

Als Arzt ist Stephan A., 47, eigentlich dem Wohle seiner Patienten verpflichtet. Doch wenn stimmt, was ihm die Staatsanwaltschaft seit Mittwoch im Landgericht vorwirft, dann galt sein Augenmerk vor allem seinen pekuniären Interessen.

Manipulierte Rechnungen: Mit Homöopathie, Akupunktur, Osteopathie und Traditioneller Chinesischer Medizin behandelte der Naturheilkundler Stephan A. 600 Patienten, die er in manipulierten Arztrechnungen um Millionen betrog.

Mit Homöopathie, Akupunktur, Osteopathie und Traditioneller Chinesischer Medizin behandelte der Naturheilkundler Stephan A. 600 Patienten, die er in manipulierten Arztrechnungen um Millionen betrog.

(Foto: Foto: Robert Haas)

Über Jahre hinweg soll der Alternativmediziner mit Praxis in bester Altstadtlage für mehr als 600 Privatpatienten manipulierte Rechnungen erstellt und sich so rund 1,1 Millionen Euro erschlichen haben. Dabei nutzte er die Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ), die bei mangelnder Kontrolle offenbar zum Betrug geradezu einlädt.

Stephan A. hatte sich schon kurz nach dem Studium auf die Naturheilkunde spezialisiert und bot in seiner Praxis unter anderem Homöopathie, Akupunktur, Osteopathie und Traditionelle Chinesische Medizin an. Da er keine kassenärztliche Zulassung hatte, bestand seine Klientel ausschließlich aus Privatpatienten.

Die zockte er der Anklage zufolge im Zeitraum von 2002 bis Ende 2007 mit fingierten Rechnungen ab, wobei er Leistungen in Rechnung stellte, die entweder frei erfunden waren oder von freien Mitarbeitern zu deutlich niedrigeren Kosten erbracht worden waren. So arbeiteten zeitweise mehrere Osteopathen und Akupunkteure bei ihm, die er mit 40 bis 50 Euro abspeiste, während er dem Patienten das Doppelte in Rechnung stellte.

"Ich hab' mir dabei nichts Böses gedacht", gestand er am Mittwoch zum Prozessauftakt diesen Punkt der umfangreichen Anklage ein. Schon sein Praxis-Vorgänger habe das so gehandhabt, "ich habe das so einfach nur übernommen". Auf die Frage, warum seine Mitarbeiter als zugelassene Ärzte ihre Leistungen nicht selber abgerechnet hätten, zuckt der Angeklagte mit den Schultern: "Das weiß ich nicht."

Die Manipulation der Rechnungen wurde Stephan A. offenbar durch die GOÄ, die die Abrechnung medizinischer Leistungen bei Privatpatienten regelt, erleichtert. So genügt eine kleine Ziffernabänderung, um eine Leistung zu generieren, die von den Kassen wohl gar nicht anerkannt worden wäre. So rechnete der Arzt etwa das "Streichen der Körpermeridiane" kurzerhand als "Massage" ab. Und eine einfache Akupunktur wurde unter Verwendung der entsprechenen GOÄ-Ziffern noch zusätzlich als "medizinische Infiltrierung an verschiedenen Körperstellen" kostenmäßig hochgepuscht.

Mit seinen Manipulationen soll der Angeklagte fast die Hälfte seines Praxisumsatzes von 2,5 Millionen Euro (2002 bis 2007) erzielt haben. Die ahnungslosen Patienten reichten die Rechnungen an ihre Kasse weiter, die offenbar auch nicht genau hinschaute. Manches allerdings konnten sie auch beim besten Willen nicht entdecken: So soll Stephan A. mitunter Rechnungen erfunden haben, um dann die Erlöse mit dem Patienten später zu teilen. Die Ermittler fanden auch heraus, dass er rund 250 Hausbesuche abgerechnet hatte, von denen kein einziger wirklich stattfand.

Der Prozess ist vorläufig auf sechs Tage angesetzt. Stephan A. wurde im November vorigen Jahres festgenommen und saß mehr als zwei Monate in Untersuchungshaft. Inzwischen ist er gegen Kaution wieder auf freiem Fuß. Seine Praxis hat er verkaufen müssen, nach eigenen Angaben hat er rund 200000 Euro Schulden. Dem stehen vier Eigentumswohnungen gegenüber, die er aber bislang noch nicht zur Schadenswiedergutmachung verkauft hat. "Das sind Schrottimmobilien", behauptet er. Dem Staatsanwalt gefällt diese Einstellung gar nicht, und auch die ärztliche Standesvertretung wartet schon darauf, wie dieser Prozess ausgeht.

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