Herztransplantationen Ärzte-Präsident hält Vorgänge in Großhadern für gravierend

Der Eingang zum Klinikum Großhadern

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Am Klinikum Großhadern sollen Ärzte Krankenakten manipuliert haben, damit Herzpatienten schneller an Organspenden kommen.
  • Das Klinikum streitet die Vorwürfe ab. Doch Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, will das nicht gelten lassen.
Von Christina Berndt und Dietrich Mittler

Am Klinikum Großhadern wehrt man sich hartnäckig gegen den Vorwurf, bei Herztransplantationen manipuliert zu haben. Doch die Verteidigungslinie des Krankenhauses will der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, nicht gelten lassen: "Ich halte die Argumente aus Großhadern alle für entkräftet", sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Die Vorwürfe der bei der BÄK angesiedelten Prüfungskommission gegen das Uni-Klinikum beherrschten am Dienstagabend auch ein Spitzengespräch im bayerischen Gesundheitsministerium, zu dem Ministerin Melanie Huml (CSU) den BÄK-Präsidenten und seinen Vize Max Kaplan empfing. "Das war natürlich unser zentrales Thema. Worüber hätten wir sonst reden sollen? Übers Wetter?", sagte Montgomery nach dem Gespräch. "Was in Großhadern passiert ist, wiegt schwer. Ich würde den Ärzten dort zu mehr Ruhe raten und zu sachlicher, konstruktiver Diskussion gemeinsam mit uns."

Mindestens 17 Mal soll gegen Richtlinien verstoßen worden sein

Diese gebe es bereits, meinte BÄK-Vizepräsident Kaplan, der die Stimmungslage offenbar ganz anders einschätzt als Montgomery: "Wir sind auf gutem Wege, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Großhadern und der Prüfungskommission aus dem Weg zu räumen", sagte Kaplan, der auch Präsident der Bayerischen Landesärztekammer ist. Auch Mitglieder der Prüfungskommission waren zum Gespräch ins Ministerium geladen: Sie sind für die Kontrolle der Transplantationszentren zuständig und haben in einem am Montag bekannt gewordenen Bericht schwere Vorwürfe gegen das Krankenhaus in Großhadern erhoben.

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Demnach wurde an dem Klinikum der Universität München zwischen 2010 und 2012 "bei mindestens 17 Patienten bewusst und gewollt" gegen Richtlinien zur Herztransplantation verstoßen - in einem Zeitraum, in dem dort 95 Herzen transplantiert wurden. Der Bericht der Prüfungskommission liest sich zum Teil haarsträubend. Die Ärzte in Großhadern hätten Patienten "systematisch" als "hochdringliche", sogenannte HU-Fälle an die Organvermittlungsstelle Eurotransplant gemeldet, obwohl diese die Voraussetzungen dafür nicht erfüllten. Für den HU-Status ist nach Ansicht der Prüfer die dauerhafte Gabe bestimmter Herzmedikamente nötig.

In Großhadern seien diese Medikamente gezielt zu jeder HU-Meldung gegeben worden, heißt es in dem Prüfbericht. Dazwischen habe es zum Teil wochenlange Therapiepausen gegeben, über die Großhadern "unrichtige Angaben" gemacht habe. Und als im Mai 2011 die Richtlinien nur noch alle acht Wochen eine HU-Meldung erforderten statt wie zuvor jede Woche, hätten die Ärzte die Medikamente manchen Patienten auch nur noch im Acht-Wochen-Rhythmus verabreicht. Ziel der Therapie sei allein die bevorzugte Versorgung mit einem Spenderherzen gewesen, folgern die Prüfer. Eine Patientin habe die Arzneien sogar verabreicht bekommen, obwohl sie dadurch "bedrohliche Rhythmusstörungen" erlitt.

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Das will man am Klinikum nicht auf sich sitzen lassen. "Keinesfalls" seien Patienten durch die HU-Medikamente gefährdet worden, betont Karl-Walter Jauch, der Ärztliche Direktor: "Jede Behandlung erfolgte im Sinne und zum Wohle des Patienten." Der Fall der Frau mit den Herzrhythmusstörungen zeige nur, "dass sich die Kommission nicht hinreichend mit diesem äußerst komplexen Fall beschäftigt" habe, heißt es in einem Gutachten des Juraprofessors Ulrich Schroth, der das Klinikum vertritt. Die Frau habe Arzneien gegen ihre Rhythmusstörungen bekommen. Deshalb sei ein neuer Behandlungsversuch mit HU-Medikamenten sinnvoll gewesen. "Ich rate dem Klinikum dazu, die Prüfungskommission darauf zu verklagen, dass sie ihre Anschuldigungen unterlassen muss", sagte Schroth. Das Klinikum hat sich dazu bisher nicht entschieden.

Staatsanwaltschaft prüft mögliche Ermittlungen

Gleichwohl beschäftigt der Fall bereits die Staatsanwaltschaft München. "Die Berichte der Prüfungskommission sind uns zur Kenntnisnahme übersandt worden", sagt ein Sprecher, "wir prüfen sie nun." Dies könne angesichts der komplexen Materie allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen.

Bayerns Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) stellt sich bereits hinter das Klinikum Großhadern, wo "seit Jahren großartige Arbeit" geleistet werde. Es gebe "über die Auslegung der Richtlinien zur Herztransplantation unterschiedliche Auffassungen". In einem sind sich Minister, Klinikum und Prüfer immerhin einig: "Die Probleme gehören der Vergangenheit an", sagte Hans Lippert, der stellvertretende Vorsitzende der Prüfungskommission, der SZ. "Jetzt läuft es gut mit dem Herztransplantationsprogramm in Großhadern. Wir haben aktuell keine Beanstandungen."

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