Literatur:"Wir waren beide gute Kämpfer"

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Frieda von Richthofen war Muse des Schriftstellers D.H. Lawrence und Vorbild für seine "Lady Chatterley". Ein neuer Roman geht der Beziehung auf den Grund - und zeigt, warum München für das Paar ein so besonderer Ort gewesen ist

Von Lea Kramer

Es ist heiß und voll. Der Tabakdunst füllt den Raum. Plötzlich springt eine Frau auf einen Tisch. Sie trägt einen Zylinder auf dem Kopf und eine Kuhglocke um den Hals. Sie klackert mit ihren Absätzen, beginnt ein Lied zu singen. Ein Mann spielt Gitarre. Plötzlich fällt die Bluse der Frau zu Boden, weitere Kleidungsstücke werden folgen. Sie ruft: "Wir schämen uns nicht, meine Anarchistenfreunde. Warum sollten wir uns auch schämen? Unsere Körper sind schön - so, wie die Natur uns gewollt hat!" Es ist der imposante Auftakt einer folgenreichen Reise, die Frieda von Richthofen 1907 nach München geführt hatte. Ein neues Buch beschreibt das Leben der Aristokratin zwischen sexueller Befreiung und einengender Liebesbeziehung zu dem britischen Schriftsteller David Herbert Lawrence.

Die burlesque Tänzerin hat von Richthofen im Café Stefanie in der Maxvorstadt beobachtet. Sie macht Eindruck auf die gebürtige Deutsche, die in Großbritannien verheiratet und Mutter von drei Kindern ist. In der bürgerlichen Enge in Nottingham war München für sie zum Sehnsuchtsort geworden, zumal zu diesem Zeitpunkt Zentrum der modernen Frauenbewegung und Anziehungspunkt für Freigeister. In der Maxvorstadt taucht sie ein in die Schwabinger Boheme, beginnt eine Affäre mit einem eigensinnigen steirischen Arzt und flüchtet in späteren Jahren hierher zurück: mit ihrem Liebhaber D. H. Lawrence.

D.H. Lawrence (1885-1930) and his wife Freda in Santa Fé

D.H. Lawrence und Frieda von Richthofen in Santa Fé.

(Foto: Getty)

"Eine Frau sprengt die Fesseln ihrer Zeit", heißt es im Untertitel zu Annabel Abbs' Romanbiografie "Frieda", die 2018 erschienen ist und nun ins Deutsche übersetzt wurde. Das Buch will der Frau hinter dem Mann, der "echten Lady Chatterley" wie es im Originaltitel heißt, nahekommen. Dazu hat Autorin Abbs zahlreiche Briefe, diverse Biografien sowie Lawrences Bücher, deren weibliche Figuren von Frieda von Richthofen inspiriert worden sein sollen, zu einem fiktionalisierten Historienroman verwoben. Es ist bereits das zweite Buch dieser Art der Autorin, die ihr Debüt Lucia Joyce widmete, der Tochter des irischen Literaten James Joyce. Mit Frieda betrachtet sie erneut eine unkonventionelle Frau aus dem Umfeld der literarischen Moderne. Auch sie ist eine dieser Frauen, die in der Vergangenheit als Muse für einen männlichen Künstler mystifiziert wurden, ungeachtet dessen, welch eigenständige, kreative Menschen sie gewesen sind.

Geboren 1879 als Emma Maria Frieda Johanna Freiin von Richthofen in Metz, zieht es die junge Aristokratentochter - entfernt verwandt mit dem als Roter Baron bekannten Kampfpiloten Manfred von Richthofen - schon bald ins Ausland. Mit 20 heiratet sie den britischen Philologen Ernest Weekley und zieht mit ihm nach Nottingham, wo er an der Universität lehrt. Das Paar bekommt drei Kinder. Frieda fühlt sich von dem 16 Jahre älteren Mann vernachlässigt, der sich schon bald aus dem gemeinsamen Ehe- in ein kleines Gästebett verabschiedet hat, "mit seiner ärmlichen Matratze und der Bibel neben dem Kopfkissen", wie Abbs die junge Mutter im Roman klagen lässt. Ein Besuch der glamourösen Schwester Johanna motiviert Frieda Weekley, nach München zu reisen - "ehe sie durch ihr Muttersein noch ganz und gar langweilig wird."

Schachspieler im Café Stephanie in München, 1931

Frieda von Richthofen und Max Mohr trafen sich unter anderem im berühmten Café Stefanie, wo die Boheme zu Hause war.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Dort, im Künstlerlokal Café Stefanie an der Ecke Amalien-/Theresienstraße, lernt sie den österreichischen Psychoanalytiker und Freud-Schüler Otto Gross kennen. An seiner Idee einer Revolution der Sexualmoral findet die junge Frau Gefallen. Die leidenschaftliche Affäre mit dem von seiner Zunft verschmähten Psychiater währt aber nur kurz. "Und Du und ich, wir lieben uns in dieser heimlichen und unendlichen Liebe, in diesem schweren heissen Frühlingsrausch Vorausgeborener - komm, Frieda, komm zu mir - ich liebe Dich, wie ich diese Zeit und ihre Zukunftsvorzeichen liebe", schreibt ihr Gross um 1912.

Weekley wird dieser Aufforderung folgen und zurück nach München kehren, allerdings nicht zu Otto Gross. Sie hat bereits in einem Französischschüler ihres Ehemannes einen neuen Liebhaber gefunden. Der junge Bergmannssohn elektrisiert die verheiratete Frau geradezu. Sie ist 32, er erst 26 Jahre alt. "Kommen Sie, folgen Sie Ihrer eigenen Seele. Und leben Sie!", sagt er zu ihr. Genau das tut sie, nur ein paar Wochen nach der ersten Begegnung mit D. H. Lawrence. Für den von ihr fortan liebevoll Lorenzo genannten, mittellosen Nachwuchsschriftsteller verlässt sie Mann und Kinder - ein Skandal. Den Verlust ihrer Kinder hat sie nie verkraftet. Ihren Kummer darüber soll Lawrence später in seinen Büchern ausgeschlachtet haben, so schreibt es Frieda von Richthofen in ihrer Autobiografie "Nur der Wind".

Handschrift von Frieda von Richthofen - Lawrence oder Weekley

Ein Brief Friedas an den befreundeten Dramatiker Max Mohr.

(Foto: Monacensia)

Zu Beginn der Romanze lebt das Paar in wilder Ehe zwischen München, Beuerberg, Icking und Wolfratshausen. In seinem Roman "Mr. Noon" hat D. H. Lawrence der bayerischen Residenzstadt und dem Isarwinkel ein literarisches Denkmal gesetzt. Eine Freundschaft verband ihn mit dem Dramatiker Max Mohr, in dessen Nachlass in der Monacensia viele Briefwechsel mit dem Ehepaar Lawrence - 1914 heiraten die beiden - erhalten sind. Die Ehe ist so unbeständig wie die Adressen auf den Briefköpfen. "Wir hatten so viele Schlachten auszutragen, so viel loszuwerden, so viel zu überwinden. Wir waren beide gute Kämpfer," beschreibt Frieda Lawrence die Beziehung 1936. Heftige Streits werden ausgetragen, das Paar stößt zuweilen gewalttätig aneinander. Auf zerbrochenes Geschirr, fliegende Bratpfannen oder geworfene Terrakotta-Töpfe folgt prompt die Versöhnung, und beide sitzen wieder gemeinsam auf einer Bank in Icking und betrachten einträchtig das Alpenpanorama.

Es ist eine toxische Gemeinschaft mit Reisen ins Ungewisse, immer auf der Suche nach literarischer Inspiration und guten klimatischen Bedingungen für Lawrences angeschlagene Gesundheit, zudem eine Flucht vor der Vergangenheit. Und doch währt die Beziehung fast zwanzig Jahre, bis zu Lawrences Tod im Jahr 1930. Da hat Frieda Lawrence bereits einen neuen Gefährten: Angelino Ravagli wird 1950 ihr letzter Ehemann werden. Gemeinsam mit ihm wacht sie über D.H. Lawrences Erbe. Im Alter von 77 Jahren stirbt Frieda von Richthofen 1956 in Taos, New Mexico.

Es ist keine einfache Heldin, die Annabel Abbs für ihren Historienroman gewählt hat. Frieda von Richthofen lässt sich weder auf ihre Rolle als Künstlermuse noch auf die Femme Fatale oder Rabenmutter reduzieren. Sie lebte ihre Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung und musste dafür große Opfer bringen. Ist ihre Existenz deshalb eine tragische? Nicht unbedingt. Die nicht immer der Wahrheit entsprechenden Ausführungen von Autorin Abbs machen ihre Protagonistin jedenfalls nahbar. Der Einblick in ihre Gedankenwelt rücken sie noch einmal näher an die heutige Zeit. In der Frauen im Schein von #metoo noch immer für Selbstbestimmung und ihren gleichberechtigten Platz in der Gesellschaft kämpfen. Und so liefert Frieda von Richthofens Erkenntnis auch heute noch einen Denkanstoß: "Otto, Franziska und die Münchener Verfechter der freien Liebe hatten recht: Enthaltsamkeit, Monogamie, die Ehe, das war alles falsch."

Annabel Abbs: Frieda von Richthofen. Romanbiografie. Aus dem Englischen von Michaela Meßner. Btb Verlag, München 2021. 464 Seiten, 12 Euro. Erscheint am 12. Juli.

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