Literatur:Überdosis Untermenzing

Peter Probst

Peter Probst ist Drehbuch- und Krimiautor. Jetzt legt er einen Bildungsroman der besonderen Art vor.

(Foto: Bernhard Haselbeck)

Peter Probst arbeitet sich im Roman "Wie ich den Sex erfand" an der Pubertät in den Siebzigern ab

Von Franz Kotteder

Sex macht ziemlich viel Spaß. Das darf man wohl als gesicherte Erkenntnis bezeichnen. Die Pubertät ist anscheinend ebenfalls eine spaßige Angelegenheit, sonst würden ja nicht so viele komische Bücher über sie geschrieben. Dennoch würden viele Menschen ihren Unterhaltungswert eher als "so mittel" umschreiben, vor allem, wenn sie sich selbst noch in dieser Lebensphase befinden. Mit dem zeitlichen Abstand scheint die Sache jedenfalls lustiger zu werden - die Pubertät, nicht der Sex - und so nimmt es nicht Wunder, dass viele Autoren ihr dann wieder etwas abgewinnen können.

Jüngstes Beispiel ist der Schriftsteller Peter Probst, bekannt geworden vor allem als Drehbuch- und Krimiautor. Er hat jetzt einen Bildungsroman der besonderen Art vorgelegt, der den pfiffigen Titel trägt: "Wie ich den Sex erfand" (Kunstmann Verlag, 295 Seiten, 22 Euro). Nur die wenigsten werden da sagen: "Aha, dem also haben wir das ganze Theater zu verdanken", sondern sie werden eher dem pubertierenden Protagonisten auf seiner Entdeckungsreise folgen wollen.

Der zwölfjährige Peter - nein, Gillitzer heißt er mit Nachnamen, und wegen der zwei i denkt man unwillkürlich an den Simplicissimus von Grimmelshausen - ist einer von drei Söhnen einer Arztfamilie aus Untermenzing und wächst Anfang der Siebzigerjahre hier auf. Die Eltern sind, versteht sich von selbst, stramm konservativ, wählen CSU und sind einigermaßen bigott. Das Kinderzimmer des kleinen Peter schmücken erst eine Mutter Gottes, später dann ein Foto von Michelangelos Pietà sowie ein plakatgroßes Porträt des Großen Vorsitzenden Franz Josef Strauß. Da kennen wir bekanntlich noch einen, der aber etwas später aufwuchs und heute bayerischer Ministerpräsident ist. Alle drei reden gelegentlich mit Peter und geben ihm Ratschläge fürs Leben. Derart gerüstet stolpert der kleine Gillitzer also hinaus in die feindliche Welt.

Die ist oftmals verwirrend und besteht aus Klassenkameraden, die zu allen altersüblichen Grausamkeiten fähig sind, aus streitsüchtigen Allachern, aber auch aus mancherlei Vertreterinnen des anderen Geschlechts, was in zunehmendem Maße allerdings noch mehr zur Verwirrung beiträgt. Die Begriffe, die Peter nicht versteht, sammelt er in einem Schulheft, um sie bei nächstbietender Gelegenheit im sonst sorgsam verschlossenen Arbeitszimmer des Vaters mittels einer Brockhaus-Ausgabe zu erkunden. Worte wie "Empfängnis" sind das, "Prono" (inklusive Buchstabendreher) und "unbefleckt" zum Beispiel, und man kann sich vorstellen, wie schwierig es war, darüber Aufklärung zu erlangen, wenn man wie Peter dunkel ahnt, dass man die Eltern danach besser nicht fragt.

Es kommt zu einer Fülle höchst komischer bis abstruser Situationen, und das, ohne dass Probst das Stilmittel der Übertreibung allzu sehr ausreizt. Denn das eigentlich auch Erschreckende ist: So war's damals wirklich und tatsächlich. Politiker wie Strauß hauten Sätze raus, bei denen man dachte: Hoppla, ist das Dritte Reich nicht eigentlich doch vorbei? Eltern versuchten ihre Kinder vor der Versuchung des Fleischlichen zu bewahren, Popmusik galt als Erfindung des Teufels. Und woher dieser seltsame Rückenmarksschwund kam, da hatte man noch seine eigenen Theorien. Merkwürdig eigentlich, wo man doch so wenig Wert aufs Rückgrat legte.

Daraus hätte sich auch eine Tragikomödie machen lassen, eine Art Wedekindsches "Frühlings Erwachen", Untermenzinger Ausgabe. Aber Probst hat sich für eine Farce entschieden, ein höchst unterhaltsames Spiel mit den Absonderlichkeiten der frühen Siebzigerjahre, in denen man alles so ernst nahm, was eigentlich doch recht lächerlich war. So ist der Roman auch ein bittersüßes Zeitgemälde geworden, das die Stimmung dieser Jahre mit den Augen eines noch recht naiven Buben beschreibt.

Vom Nährgetränk "Sanostol" bis zur Schmuddelillustrierten Praline ist alles sehr authentisch. Und wer einst als Schüler das Karlsgymnasium in Pasing besuchte und Partys im Pfarrsaal von Leiden Christi, der wird vieles eins zu eins bestätigen können. Lustig übrigens, dass gerade in diesem Jahr ehemalige Karlsgymnasiasten wie Probst, Jahrgang 1957, thematisch ähnliche Bücher veröffentlicht haben: Stefan Wimmer, geboren 1969, schrieb den Pubertätsroman "Die 12 Leidensstationen nach Pasing" (Heyne Hardcore), der in den Achtzigern spielt, und Moses Wolff vom gleichen Jahrgang den Seventies-Roman "Liebe machen" (Piper Verlag), in dem die Schule allerdings keine Rolle spielt. So übel war diese Lehranstalt aber offenbar dann doch nicht.

Peter Probst: Wie ich den Sex erfand, Benefizlesung mit Live-Musik von "Sasebo" für das Bellevue di Monaco im Innenhof des Deutschen Museums, Mittwoch, 2. September, 20 Uhr

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