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Krachkultur

Seitenweise Töne: die aktuelle Ausgabe der "Krachkultur".

(Foto: oh)

Die Zeitschrift "Krachkultur" feiert die Musik

Von Jürgen Moises

Lange Zeit galt Metal für viele als Krach oder Gekreische, als zu laut, zu tumb, zu provinziell, zu uncool oder als nicht "kulturell" genug. Seit ein paar Jahren ist das anders. Nun schreiben plötzlich auch die Feuilletons über Black oder Thrash Metal, und im Bildungsfernsehen ist für Berichte vom großen Metal-Open-Air in Wacken Platz. Vielleicht weil man erkannt hat, dass Metal neben Hip-Hop zu den beliebtesten und umsatzstärksten Genres zählt. Bestimmt auch, weil in den Redaktionen eine neue Generation von Redakteuren sitzt, die eher mit Metallica als Mozart musikalisch sozialisiert wurde.

Dass man sich wissenschaftlich mit Metal befassen kann, hat vor kurzem der Kunsthistoriker Jörg Scheller mit seinem Buch "Metalmorphosen: Die unwahrscheinlichen Wandlungen des Heavy Metal" gezeigt. In der aktuellen und jüngst auf der Hotlist "Bayerns Beste Independent Bücher" gelandeten Ausgabe der Münchner Literaturzeitschrift Krachkultur führt der in Zürich lehrende Scheller diese Unternehmungen nun weiter. "Metal Church of Extreme Fear" heißt sein Text, den er dem 40. Geburtstag des Extreme Metal gewidmet hat. Gemeint sind damit Stilrichtungen wie Black Metal oder Noisecore, die auf das "Rohe, Räudige, Radikale, Viszerale" setzen und für die Bands wie Venom oder Napalm Death stehen. Und zum Schluss gibt er mit "Extreme Metal ist der Schlingensief der Popmusik" eine These mit, über die sich trefflich streiten lässt.

Mit dem Noisecore ist man insofern im Herzen der Krachkultur, als sich der Name der seit 1993 von Martin Brinkmann geführten Zeitschrift tatsächlich davon ableitet. Der Heavy Metal steckt schon immer in dem Blatt, das sich in der neuesten Ausgabe und auf verschiedenen Weisen der Musik widmet. So führt Barbara Zemann in ihrem schönen Prosatext "Das Mädchen" in Beethovens Sterbezimmer, dessen Fußboden ein tierisches Eigenleben entwickelt. Das Mädchen gab es und gab es nicht. In historischen Aufzeichnungen wird sie als unbekannte Frau geführt. Ansonsten waren Beethovens "Konversationshefte" für Zemann eine wichtige Quelle.

Mit gefakten Star-Interviews wurde Tom Kummer in den Neunzigern bekannt. In "Ich weiß, was ich weiß" kehrt der Schweizer Journalist gewissermaßen zurück zu seinen Wurzeln, indem er die Wiederauferstehung Bob Dylans vor sieben Jahren in den Flammen Malibus schildert. Einiges ist wahr an der Geschichte, anderes sicher nicht. Tanja Dückers erinnert sich daran, wie sie über den Tod eines Nachbarjungen zu den Beatles fand, und um das Glück im Unglück geht es auch im wiederentdeckten Gedicht "Trösterin Musik" von Heimito von Doderer. Der englische Dichter Philip Larkin wettert in seinen Jazz-Kritiken aus den 1960ern gegen die "Nervensäge" John Coltrane und problematisiert die Unterscheidung von "weißem" und "schwarzem" Jazz. In Eva Schmidts "Sommerregen" deutet sich zum Soundtrack von Charlie Parker eine Mordgeschichte an, und Peter Wawerzinek erinnert an den Schriftsteller Matthias Holst alias BAADER (1962-1990). Der gehörte mit dem Rammstein-Musiker Flake zur Band Frigitte Hodenhorst Mundschenk und hätte, da ist sich Wawerzinek sicher, mit seinen Texten Rammstein mehr Tiefe verpasst als Till Lindemann mit seinen plakativen Reimen.

Buch- und Romanauszüge gibt es auch, etwa aus der gerade entstehenden Autobiografie der Geigerin Franziska Pietsch. Als ehemaliges ostdeutsches Wunderkind, dessen Vater 1984 in den Westen rübermachte und die Familie nachzog, erzählt die 1969 in Halle geborene Musikerin in "Die Freiheit der Musik", wie sie zu ihrer musikalischen "Sprache" fand. Leider findet sie als Schriftstellerin dafür keine ebenso überzeugende Sprache. Und auch wenn man ein paar interessante Einblicke in das (Kultur-)Leben in der DDR bekommt, liest sich das Ganze doch etwas trocken. Ganz anders bei der Violistin und Autorin Tamara Štajner, aus deren Roman "Neugut. Eine Organahnung" es einen Auszug gibt. In dem ebenfalls autobiografisch eingefärbten Text kämpft das schreibende gegen das musizierende Ich. Auch das ewige Üben wird als Kampf, als Trauma geschildert und wie in den Filmen von David Cronenberg mit körperlichen Deformationen verknüpft. Extremer Metal mag für manche schrecklich klingen. Hier zeigt sich, dass auch der "klassische" Wohlklang seinen Schrecken birgt.

Krachkultur, Ausgabe 21/2020: Musik, 200 Seiten, 14 Euro, www.krachkultur.de

© SZ vom 08.12.2020
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