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SZ-Serie: München erlesen:Der Körper als Ersatzwährung

Ödön von Horváths Roman "Sechsunddreißig Stunden" erzählt vom ökonomischen Überlebenskampf, den die arbeitslose Näherin Agnes Pollinger im München der Weimarer Republik führt

Von Christian Jooß-Bernau

Als Agnes Pollinger die linke Hand von Eugen Reithofer auf ihrem linken Knie spürte, war es fast schon dunkel. Sie saßen im Gras unter einer Ulme auf dem Oberwiesenfeld. Kennengelernt hatten sie sich vor dem Arbeitsamt in der Thalkirchner Straße. Das war dort bis 1987 untergebracht und zog dann in die Kapuzinerstraße. Seit fünf Monaten war Agnes an diesem 28. August 1928 arbeitslos: "Am Nachmittag hatte es drei mal gedonnert, aber wieder nicht geregnet und nach Sonnenuntergang war es noch derart drückend schwül, als hätte die Luft Fieber." Im Oktober 1929 bekam die ganze Welt Fieber, als in New York die Börse abstürzte und auch in München die Arbeitslosenzahlen sprunghaft anstiegen. Aber leicht, so liest man in Ödön von Horváths kleinem Roman "Sechsunddreißig Stunden", war es schon im Jahr davor nicht. Horváths Text blickt auf die Unter- und Mittelschicht, die sich durch die Verwerfungen einer sozialen Krise wurstelt. Wohl auch weil sie kein Geld fürs Kino ausgeben wollten, gehen Agnes und Eugen spazieren: "Über Sendlingertorplatz und Stachus, durch die Dachauerstraße, dann die Augustenstraße entlang hinaus auf das Oberwiesenfeld."

Sie sehen die ehemaligen Kasernen, von denen heute noch einzelne Gebäude stehen. Und es ist wohl im südlichen Teil des heutigen Olympiaparks unter einer Ulme, wo die Dinge ihren Lauf nehmen. Es wird im Herbst 1928 gewesen sein, als Horváth mit der Arbeit am Roman begann. Anfang Januar 1929 ist in einem Brief die Rede von einem mit Ullstein abgeschlossenen Vertrag. Es kommt seinerzeit nicht zur Veröffentlichung. Die Geschichte um das Fräulein Pollinger geht in einem größeren Projekt auf: "Der ewige Spießer", dessen Handlung Horváth um ein Jahr nach hinten verschiebt, um darüber den Schatten des aufziehenden Nazi-Regimes zu legen, das er damals nur ahnen konnte.

Verloren geht bei der Transformation der Geschichte allerdings die wunderbare Konsistenz der "Sechsunddreißig Stunden", deren Titel die erzählte Zeit des Romans benennt. Eineinhalb Tage läuft Agnes durch ein Nachkriegs-München. Kurz wird sie gefahren. Aber das entwickelt sich nicht gut. Am Ende hat sie aber wieder Aussicht auf einen Job, weil ein Kommerzienrat, der im Hotel Deutscher Kaiser wohnt, sie in seinem Automobil mit nach Ulm nehmen will, wo sie als Schneiderin arbeiten kann. Das Hotel am Hauptbahnhof war damals neu und edel. Heute ist es überbaut mit einem Hotelhochhaus.

Für Agnes ist Luxus unerreichbar. Nach dem Tod der Mutter 1923 fuhr sie von Regensburg nach München, kam unter in einem Zimmer bei ihrer Tante, die, weil sie eh gerne Heizung spart, in der Küche neben dem Käfig ihres Kanarienvogels schläft. Bei der Tante wohnt auch der Kastner, vor dem sich Agnes wegen seines Stiftzahnes graust, den sie hat abblitzen lassen und der ihr noch am Abend nach ihrem Techtelmechtel mit dem Reithofer stehend vor ihrem Bett einen Vortrag hält. Der Kastner ist ein notorischer Lügner und hat ganz anderes im Sinn, als er Agnes anbietet, sie an einen Kunstmaler zu vermitteln. Aber er spricht den entscheidenden Satz in Horváths Roman: "Man muss auch seine Sinnlichkeit produktiv gestalten!"

Verkehrsregelung auf dem Marienplatz, 1928

Rechts ein Blick auf den Marienplatz im Entstehungsjahr des Romans 1928.

(Foto: Knorr + Hirth/SZ-Foto)

1919 immatrikulierte sich Horváth an der Ludwig-Maximilians-Universität, studierte auch bei Artur Kutscher, dem Begründer der Theaterwissenschaft, der unermesslichen Einfluss auf die Szene der Dramatiker und Regisseure hatte. Sehr wahrscheinlich, dass ihm auch Bertold Brecht begegnete, der zu dieser Zeit immer wieder in Kutschers Dunstkreis auftauchte und dessen erstes Stück 1922 an den Kammerspielen uraufgeführt wurde. Anders als bei Brecht führt bei Horvath aber die Betrachtung der Lebensumstände und Produktionsverhältnisse nicht zielstrebig zur Ideenlehre, sondern mit jedem Satz ins Konkrete der manchmal nackten Existenz.

Im "Ewigen Spießer" wird Agnes "praktisch" und nimmt Geld für Sex. In den "Sechsunddreißig Stunden" ist das Verhältnis von Körper und Lohn noch subtiler, die ökonomische Desillusionierung der Liebe drohender. Das Fräulein, dem man in Horváths späterem Werk immer wieder begegnet, ist die Verkörperung der Machtlosigkeit. Ihr Körper als Ersatzwährung liefert ihr in Krisenzeiten die Illusion, sie könne sich selbst behaupten. Stattdessen wird aber über sie verfügt. Schon Eugen Reithofers Hand auf ihrem Knie ist eine Machtgeste, der sie nichts entgegenzusetzen hat.

Der Frauenkörper, um den sich in den "Sechsunddreißig Stunden" vieles dreht, ist in einer ersten Stufe Anlass für viel Scheinheiligkeit. Agnes' Tante verkauft in ihrem Antiquariat in der Schellingstraße neben Büchern auch erotische Fotografien. Dass der hochwürdige Religionslehrer Joseph Heinzmann, der schon einmal einem achtjährigen Mädchen verbot, mit nackten Armen im Unterricht zu sitzen, die unzüchtigen Werke erst eingehend inspiziert, bevor er sich über sie aufregt, ist nur die niedrigste Stufe der Sublimierung. "Hochwürden waren sehr sittenstreng und hatte eine schmutzige Phantasie." Man kann davon ausgehen, dass Horváth, der, als ihn ein Ast auf der Champs-Élysées erschlug, in seiner Manteltasche ein Päckchen Aktfotos bei sich trug, nicht per se etwas gegen erotische Darstellungsformen hatte.

Wohl aber gegen ihre Überformung - sexuelle Ausbeutung in idealisierter Überhöhung. Herrlich bösartig geriet Horváth die Passage über den Kunstmaler Artur Maria Lachner, der sich AML nennt und sein Modell Agnes als Hetäre im Opiumrausch malen will. Der Schwätzer AML hat ein unausgegorenes Verhältnis zu Philosophie und Religion und ist nach eigenem Bekunden Buddhist. Agnes ist da, zurückgeworfen auf materielle Notwendigkeiten, schon weiter: "Und Agnes betrachtete Buddhas Nabel und dachte, das wäre bloß ein Schmerbauch, und wenn der Buddhist noch nicht blöd sein sollte, so würde er bald verblöden, so intelligent sei er."

Ödön von Horvath

Ödön von Horváth schrieb sich 1919 als Student an der Ludwig-Maximilians-Universität ein.

(Foto: dpa)

Die Form der Schwabinger Bohème-Existenz, die AML verkörpert, kann nur alimentiert existieren. So vermittelt er noch in dieser Sitzung weiter an den Eishockeystar Harry Priegler, dem er Geld schuldet. Priegler ist die Verkörperung der Macht-Geld-Konzentration, ausgestattet mit eigenem Auto. Er nimmt sich Agnes und tauscht ein Essen am Starnberger See umstandslos gegen Sex im Forstenrieder Park ein. Dann braust er ohne sie ab: "Jetzt fahr zu Fuß, faules Luder."

Es ist finster in Horváths Nachkriegsgesellschaft, in der der Körper Tauschmittel ist und Berechnung das Handeln bestimmt. Eugen Reithofer, mit dem alles begann, ist es, der mit einer Sekundenentscheidung aus der Rohheit des Tauschhandels ausbricht und dem "Mistvieh" Agnes, das ihn beim zweiten Treffen versetzt hat, eine Stelle als Näherin vermittelt. "Es ist nur gut, wenn man weiß, wo ein Mensch wohnt." Das ist sein letzter Satz. Im "Ewigen Spießer"schreibt Horvath dann das Wort "Solidarität". Schon 1928 war das der einzige Lichtblick in der Krise.

Ödön von Horváth: Sechsunddreißig Stunden. LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag, 5,60 Euro

© SZ vom 22.06.2020

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