Literatur-Festival "Wortspiele":Text im Test

Beim Festival "Wortspiele" regiert die Vielfalt

Von Yvonne Poppek

Die Zeit ist knapp, ähnlich wie beim Speed-Dating. Das Fenster misst 20 Minuten für Moderation, drei Fragen, drei Antworten und die Lesung. Ein rechtes Gedrängel ist das. Die "Wortspiele" - das Festival für junge Literatur - ist schon unter normalen Bedingungen ein Ereignis mit Durchlauferhitzer. Drei Abende mit jeweils fünf Lesungen stehen im Programm. Die Autoren treten in der Muffathalle gegeneinander an, buhlen um Publikum und Preisgeld. In diesem Jahr hat Kurator Johan de Blank auch wieder in die Muffathalle geladen. Rein dürfen allerdings nur die Lesenden. Das Publikum sitzt daheim vorm Bildschirm.

Damit ist die Aufgabe für alle nicht leichter geworden. Wie können Autoren dieses schmale Zeitfenster optimal nutzen? Und wie kann der Abend so spannend sein, dass jetzt, wo die Live-Kultur wieder losgeht, trotzdem zugeschaltet und drangeblieben wird? Das zweite Problem hat de Blank mit seiner wunderbaren Auswahl auf ein Minimum beschränkt. Es sind schlichtweg tolle und ganz unterschiedliche Autoren, Texte und Themen, die zu Gehör kommen. Und das allein garantiert schon erfrischende Abwechslung, bietet dem Publikum ausreichend Lektüre-Inspiration.

An die erste Frage treten die Autoren jeweils komplett anders heran. Patentlösungen gibt es nicht. Wer bei den Wortspielen zuhört, bekommt ein Überraschungspaket, auch dies macht den Reiz des Festivals aus. Den ersten Abend eröffnet die Schweizerin Annina Haab mit ihrem Debüt "Bei den großen Vögeln". Sie erzählt von Abschiednehmen und Sterben, kein leichter Einstieg ins Festival, möchte man meinen. Zumal allein vor dem Bildschirm. Fast ein wenig schüchtern drückt sich Haab in ihren Stuhl in der Muffathalle, beantwortet zurückhaltend die Fragen von Moderatorin Andrea Mühlberger. Die Eröffnung ist zunächst ein vorsichtiges Herantasten. Dann aber liest Haab mehrere Passagen vom Anfang ihres Romans. Klug ausgewählte Stellen, die den melancholischen, mit Humorfäden durchwirkten Ton widerspiegeln. Der starke Text setzt augenblicklich eine Marke, weckt Lust auf mehr.

Wer daheim am Bildschirm dranbleibt, wird bei den vier folgenden Lesungen belohnt. Daniel Mellem mit "Die Erfindung des Countdowns" vertraut ganz auf den Beginn seines Buches um den Physiker und Nazi Hermann Oberth, während sich Bernhard Heckler mit dem Instinkt eines Alleinunterhalters auf aberwitzige, dialogische Szenen aus "Das Liebesleben der Pinguine" kapriziert. Großartig steuert Raphaela Edelbauer durch eine Zukunftsvision in ihrem cleveren KI-Roman "Dave". Julia Rothenburg und Alexandra Stahl schließen den Abend mit zwei völlig unterschiedlichen Berlinromanen, warmherzig beziehungsweise ironisch-ätzend. Auch wenn die Live-Atmosphäre in der Muffathalle fehlt, entfaltet das Wortspiele-Programm auch online Kraft. Das wird voraussichtlich auch am letzten Festival-Abend an diesem Freitag, 21. Mai (kostenloser Livestream unter www.festival-wortspiele.eu) funktionieren, beim hitzigen Speed-Dating für Literaturfans.

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