bedeckt München 24°
vgwortpixel

Lehel:"Das sprengt den Rahmen"

Der geplante Neubau an der St.-Anna-Straße führt zu heftigen Diskussionen. Stadtviertelpolitiker werfen den Architekten mangelnde Rücksichtnahme auf die denkmalgeschützten Fassaden in der Nachbarschaft vor

Eine Schönheit ist dieses schlichte Eckhaus mit seinen sechs Etagen an der St. Anna-Straße 16 gewiss nicht. Der typische Bau aus den Fünfzigerjahren mit seiner schmucklosen Fassade prägt seit Jahrzehnten das unmittelbare Umfeld eines der attraktivsten Ensembles der Stadt - den St.-Anna-Platz. Das Franziskanerkloster, die mächtig aufragende Pfarrkirche, die denkmalgeschützten Wohnhäuser, die Lokale mit den Tischen und Stühlen im Freien - all das schafft eine ganz besondere, fast mediterran anmutende Kulisse mitten in der Stadt. Nun soll höchstwahrscheinlich das Eckhaus an der St.-Anna-Straße 16 verschwinden und durch einen Neubau ersetzt werden. Im Bezirksausschuss (BA) herrscht quer durch alle Fraktionen Unzufriedenheit mit diesem Plan.

Im Internet wird der Entwurf für das moderne Haus mit Eigentumswohnungen bereits vorgestellt; man kann sich als Kaufinteressent vormerken lassen. Das Architekturkonzept stammt von dem Münchner Büro Landau und Kindelbacher, ein Team mit gutem Ruf. Gesichtslose und austauschbare Investorenarchitektur steht dort nicht auf dem Programm. Zum Beispiel hat das Büro mit dem Schiffmacherhaus am Viktualienmarkt demonstriert, wie sich der Umbau eines Wohn- und Geschäftshauses mit seiner modernen Formsprache gut in die mittelalterliche Parzellenstruktur der Altstadt einfügen kann.

Das schlichte Eckhaus, St. Anna-Straße 16.

(Foto: Schellnegger)

Die Lokalpolitiker im Lehel meinen, dass der geplante Neubau an der St.-Anna-Straße viel zu wuchtig ist. "Das sprengt den Rahmen und nimmt keine Rücksicht auf die denkmalgeschützten Fassaden in der Nachbarschaft", kritisiert der Planungssprecher im BA, Wolfgang Püschel (SPD). Ganz anders sieht das Architekt Gerhard Landau. Man kenne sehr wohl die Bedeutung des St.-Anna-Platzes und seiner Umgebung: "Wir haben unser Büro im Lehel, sind jeden Tag hier unterwegs und schätzen die spezielle Atmosphäre des Viertels." Entsprechend sensibel sei man bei den Planungen für den Neubau verfahren.

Zu dem Projekt gehört auch die Neugestaltung der Baulücke direkt neben dem Wohnhaus. In dieser Lücke ist bislang eine Erdgeschoss-Galerie mit afrikanischer Kunst, die auch weiterhin dort bleiben soll. Beliebig aufstocken kann man allerdings nicht, denn dann würde man den rückwärtigen Häusern viel zu nahe kommen. Deswegen gibt es Überlegungen, zwei Etagen mit offenen Terrassengärten für die Wohnungen des Neubaus in der St.-Anna-Straße aufzusetzen. Ob dies ohne Beeinträchtigungen der Nachbarn geschehen kann und ein solches Konzept überhaupt genehmigt wird, ist noch nicht geklärt.

So soll es werden: das geplante Nachfolge-Gebäude.

(Foto: Simulation Legat Living)

Unterdessen werden mit den Mietern Verhandlungen über den Auszug geführt. Barbara Hecht zum Beispiel wohnt seit 30 Jahren in dem Haus; auch sie muss sich mit Umzugsgedanken beschäftigen. Es geht ihr nicht nur darum, dass mal wieder bezahlbarer Wohnraum in Luxuseigentum umgewandelt werden soll. Klar, das Haus sei kein unter Denkmalschutz stehendes Schmuckstück, sagt sie. Trotzdem prägten Bauten dieser Art Straßen und Plätze in den Vierteln, nicht nur hier im Lehel: "Sie als katastrophal und abrisswürdig darzustellen, ist eine Verachtung der Geschichte von Häusern und deren Epochen." Oft viel zu schnell mache sich eine "Wegwerfmentalität" in den Köpfen von Architekten und Investoren breit. Man sollte sich mehr Gedanken darüber machen, wie man solche Nachkriegsbauten mit ihrer Architektur und den zeittypischen Ausstattungsdetails erhalten und trotzdem baulich aufwerten könne.

Noch sind die Investoren dabei, mit der Baugenehmigungsbehörde abzuklären, welche Form des Neubaus an der St.-Anna-Straße 16 überhaupt möglich ist; Entscheidungen sind nicht gefallen. "Abriss und Neubau ist eine Option", sagt der Immobilienentwickler Stefan Legat, "die andere ist, das Haus im Bestand zu erhalten und es zu sanieren".

© SZ vom 27.04.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite