Zum Jennerwein In der Höhle des Wilderers

Das Jennerwein ist ein "Ort subtiler Exzesse" - seit einem halben Jahrhundert treffen sich in der Schwabinger Kneipe Menschen jeglicher Couleur.

Von Lars Langenau

Es hängt seit 20 Jahren da, dieses leicht vergilbte schwarz-weiße Plakat einer Band aus Ostdeutschland. Es zeigt einen nackten Mann in seiner ganzen Pracht. Los Banditos heißt die Band und das Album "Rebell der Liebe". Tatsächlich ist das Jennerwein in Schwabing so eine Art letztes Refugium für die freie Liebe - allerdings nicht die, die auf dem Plakat angedeutet ist, sondern der Liebe zum Bier und zum gepflegten Gespräch an der Theke.

Kulinarisch gibt die Kneipe nicht viel her, dafür stimmt die Stimmung - dank Wirt Bernhard Steinweg (rechts).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Jennerwein ist vor allen eins: unaufgeregt. Genauso wie Bernhard Steinweg, der Wirt. Der 43-Jährige ist die Ruhe in Person. Ob er nun freundlich und verbindlich hinter der Theke steht - oder Pizzen serviert im Santo Anger, seiner "Rock'n'Roll-Pizzeria und Birreria" in der Blumenstraße 25, die er seit drei Jahren zusätzlich betreibt.

Auch ist das Jennerwein eher ein Ort für "subtile Exzesse", wie Steinweg dezent schmunzelnd und verschanzt hinter dem Zapfhahn sagt. "Wir sind einfach der Zeit hinterher, oder voraus. Wie man es nimmt." Erst kürzlich war das Jennerwein in einer Szene des Films "Der letzte schöne Herbsttag" zu sehen.

Das Jennerwein ist klein und deshalb oft bumsvoll. 46 Quadratmeter, inklusive Klo versteht sich. An der Wand prangen psychedelische Tapetenmonster, an der Decke hängt eine Hirschgeweih-Lampe, an den Wänden skurrile Geweihe mit mutierten Hörnern und das gerahmte Abziehbild eines Berges. Seltsam überhöhter Alpenkitsch könnte das sein oder einfach in die Jahre gekommenes Interieur, das wieder hip geworden ist. Zudem verziert ein Foto der jungen Senta Berger in Lebensgröße die Wand. Das Jennerwein ist eine kongeniale Mischung aus Szene- und Eckkneipe.

Es verfügt über keinen speziellen Stil. Ist aber deshalb nicht stillos. Die Einrichtung ist so gesehen zurückhaltend, eher zufällig, aber sie hat was zu erzählen. "Es wachsen einem Dinge zu, die man gar nicht haben wollte", sagt der Kneipier. So sei das auch mit dem "Rebell der Liebe". Als er das mal kurzzeitig verliehen hatte, da "drehten die Leute durch". Den Laden hat er vor zehn Jahren übernommen, bis 1976 gehörte er den Kultwirten Henry Heppel und Wolfgang Ettlich.

Das Jennerwein existiert seit 1961. Mindestens. "Früher war das mal ein Schwulenclub, eine Eckkneipe für die schwule Community", sagt der Wirt. Deshalb gebe es in der Tür auch noch eine Kontrollklappe, die heute vollkommen nutzlos geworden ist, denn hier kommt inzwischen jeder rein. Ein Glück nur, dass das nicht jeder tut. Denn das Jennerwein liegt in einer Ecke von Schwabing, die sich überlebt hat.

Es gibt keine Regel, wann im Jennerwein was los ist, wann es voll ist. Es gibt keinen speziellen Tag, keinen Freitag, keinen Samstag, obwohl die Wahrscheinlichkeit dann höher ist, Gleichgesinnte zu treffen. Manchmal ist es im Sommer brechend voll. Manchmal im Winter vollkommen leer. Weiß einer, was die Leute wollen? Man kann hier Geburtstag feiern, oder auf den Tod des Opas trinken. Nur eins ist hier sicher: Hier treffen immer Generationen aufeinander. "Gegensätzlicher kann es nicht werden", sagt Steinweg lässig an die Theke gelehnt. "Sonst würden diese Leute nicht ins Gespräch kommen."

Wo unterhält sich schon ein 68er-Veteran mit 22-jährigen Mädchen? Und umgekehrt. Das Jennerwein ist wahrlich ein eigentümliches Biotop, ein Ort, an dem der Förster aus dem Silberwald problemlos Rockabilly-Bräuten mehr als Gute Nacht sagen kann. Obwohl die Kneipe eigentlich nur bis 1 Uhr öffnet, kann es auch schon mal bis 4 Uhr gehen: "Dann steht hier meistens sowieso keiner mehr", sagt der Wirt.

Das Jennerwein war jahrzehntelang eine ziemlich verrauchte Höhle. Dann eine zeitlang ein Raucherclub. Doch seit dem strikten Rauchverbot ist nun auch das vorbei. Nun stehen die Gäste vor der Tür - und das provoziert natürlich immer wieder Ärger mit den Nachbarn. Aber darüber haben sich die Macher des Gesetzes wohl die wenigsten Gedanken gemacht.

Leider gibt es nichts zu essen. Das fehlt ein wenig. Wo sollte auf den paar Quadratmetern auch die Küche hin? Früher gab es hier Hot Dogs. Danach war es erlaubt, sein Essen einfach mitzubringen, vom Griechen schräg gegenüber, der inzwischen zugemacht hat, oder aus der Schnellpizzeria ums Eck. Neuerdings bietet Steinweg Kaminwurzen mit Brot vom Biohof an. Immerhin.

Außerdem darf man im Jennerwein relativ problemlos DJ sein. Wobei das relativ zu betonen ist. Kostproben nimmt Steinweg gerne an und manchmal reicht schon die Beschreibung der Musik, um zumindest an Wochentagen an die Plattenteller zu dürfen. Die Stilrichtungen changieren zwischen House, Techno, aber auch Free oder Avantgarde Jazz. Selbst Country hat Chancen, vor allem aber schräger Rock.

"Eben Sachen, die zu kurz kommen", sagt Steinweg, der da ziemlich demokratisch ist. Er selbst favorisiert Elektro und Hip Hop, seine Leidenschaft für die Stilrichtungen banden ihn auch jahrelang an Berlin. Dort wäre das Jennerwein wohl auch eine ganz normale Kneipe unter vielen, aber in München, da ist sie was ganz Besonderes.

Das Jennerwein ist bodenständig - und taugt doch zur Legendenbildung. So ist die Kneipe vor Jahren an einer Sensation mal ganz knapp vorbeigeschrammt, sagt der Wirt: "Sven Väth wollte hier auflegen, ist dann aber später nur noch auf allen Vieren durch die Kneipe gekrabbelt." Vielleicht hatte der ja die Spezialität "Wsciekly Pies" probiert? Dieser Schnaps polnischer Provenienz beinhaltet Wodka, Himbeersirup sowie Tabasco - und killt irgendwann selbst das stärkste bayerische Mannsbild. Wohl auch einen Wildschützen Jennerwein.

In der Höhle des Wilderers

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