Verkehrswende:Besser fahren

Verkehrswende: Markus Büchler (vorne), Verkehrsexperte der Landtagsfraktion der Grünen, spricht bei der Podiumsdiskussion im Garchinger Bürgerhaus.

Markus Büchler (vorne), Verkehrsexperte der Landtagsfraktion der Grünen, spricht bei der Podiumsdiskussion im Garchinger Bürgerhaus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei einer Podiumsdiskussion der Grünen suchen Experten Wege, wie eine nachhaltige Mobilitätswende gelingen kann. Der Umstieg auf E-Autos ist aber nur der erste Schritt. Eine Vernetzung aller Verkehrsmittel muss folgen

Von Irmengard Gnau, Garching

Wenn sich eine junge Klimaaktivistin von Fridays for Future und ein Sprecher der BMW Group beim Thema Verkehrswende einig sind, darf man das wohl getrost als einen Schritt in die richtige Richtung werten. Wollen wir und unsere Waren in Zukunft von A nach B kommen, ohne dabei so viel klimaschädliche Gase auszustoßen, dass nach wissenschaftlicher Überzeugung unser Planet in absehbarer Zeit ernsthaften Schaden nimmt, dann reicht es nicht, kraftstoffbetriebene Autos auf Elektromotoren umzurüsten - wir müssen den Verkehr als Ganzes betrachten. Darin stimmten Eva Metz und Axel Kaltwasser wie auch die weiteren vier Gäste überein, die sich am Freitag auf Einladung der Grünen aus Ober- und Unterschleißheim und Garching im Garchinger Bürgerhaus zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Verkehrswende mit Elektromobilität" versammelt hatten.

Wie das gelingen kann und welche Akteure unserer Gesellschaft welchen Teil dazu beizutragen haben, darüber gingen die Meinungen freilich auseinander. Die Kommunen trieben bereits einiges an, lobte der Grünen-Landtagsabgeordnete Markus Büchler; so habe der Landkreis München etwa sein Busnetz zuletzt ausgebaut und die Takte verdichtet. Doch der große politische Umschwenk lasse noch auf sich warten, kritisierte Büchler: Noch immer stehe der Ausbau von Straßen im Fokus der Bundespolitik, flössen Milliarden an Subventionen in den Gütertransport auf Lastwagen. Ähnliches forderte Metz für den Individualverkehr: "Wir brauchen sinnvolle steuerliche Anreize, damit das, was weniger klimaschädlich ist, auch billiger ist für den Einzelnen", sagte sie. Mehr Geld also für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs statt für Autobahnen und Umgehungsstraßen. Außerdem gelte es, den Individualverkehr insgesamt zu reduzieren, zum Beispiel durch mehr Home-Office.

Eine Welt ohne Autos mochten sich weder BMW-Sprecher Kaltwasser noch Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands E-Mobilität (BEM), vorstellen. Es sei vielmehr zielführend, die verschiedenen Verkehrsformen intelligent zu verbinden, sagte Sigl. Hier sieht Büchler insbesondere in ländlichen Regionen Bayerns noch ein Problem. "Auf dem Land wird man quasi zum Autofahren gezwungen." Um das zu ändern, wünscht er sich neben einem Ausbau des ÖPNV bessere digitale Informationen. "Ich will auf einer App sehen, wie ich von Oberschleißheim in den hintersten Winkel des Landkreises Hof kommen kann, alle Möglichkeiten inklusive Bus, Bahn und Leihauto." Sigl forderte außerdem, Energie- und Mobilitätswende gemeinsam zu denken und die politischen Entscheidungen stärker zu verzahnen. Zur Elektromobilität zählen schließlich nicht nur die Fahrzeuge, sondern auch die Frage, wie man diese mit regenerativer Energie versorgen kann, wie Kaltwasser ergänzte.

Angst vor einem Blackout, wenn zum Feierabend alle ihre Elektroautos gleichzeitig ans Stromnetz anschließen, müsse in und um München niemand haben, versicherte Alexandra Volkwein, Leiterin der Abteilung Strategie und Mobility Lab bei den Münchner Stadtwerken (SWM). Das Netz müsse zwar zum Teil nachgerüstet werden, das sei aber gut möglich. Durch gesteuertes Laden könne man zudem die Last gut verteilen. Viele Menschen hätten Vorbehalte gegenüber Elektroautos, das beobachtete Volkwein etwa bei der Umstellung der städtischen Bus- und Dienstwagenflotte. "Am Anfang wollte bei uns kein Fahrer einen E-Bus fahren." Doch nach Schulungen und ersten Erfahrungen seien die meisten rasch überzeugt.

Viele Kritikpunkte, die Elektroautos pauschal entgegengebracht werden, seien längst überholt, betonte BEM-Präsident Sigl. Die Akkus etwa seien inzwischen zu 96 Prozent recycelbar. Viele Autobauer wie BMW achten inzwischen darauf, bei der Batterieherstellung Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen auszuschließen und beziehen ihr Lithium und Kobalt etwa aus Australien statt aus dem Kongo. Elektromotoren der jüngsten Generation schafften inzwischen eine Reichweite, die für viele Zwecke Verbrennern absolut ebenbürtig sei, fügte Robert Reisenauer hinzu, Vertriebsleiter des Garchinger Start-Ups e-troFit, das gebrauchte und neue Nutzfahrzeuge auf Elektroantrieb umrüstet.

"Wir müssen mehr aufklären", konstatierte Sigl. "Es ist wichtig, den Leuten klar zu machen, dass wir ihnen nichts verbieten sollen, sondern dass wir ihnen etwas an die Hand geben, was durchaus Spaß machen kann." Dann könne auch eine Verkehrswende gelingen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB