bedeckt München 24°

Unterschleißheim in der NS-Zeit:Erinnerung an vergessene Verbrechen

Am Lohhofer S-Bahnhof entsteht ein Gedenkort für die Opfer des Zwangarbeiterlagers. Visualisierung: kübertlandschaftsarchitektur

Die Ausbeutung von Zwangsarbeitern in der Lohhofer Flachsröste, die für viele mit der Deportation ins Vernichtungslager endete, war lange Zeit kein Thema in Unterschleißheim. Jetzt entsteht ein Gedenkort.

Mehr als 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird ein Denkmal in Unterschleißheim an das Schicksal der Zwangsarbeiter der Lohhofer Flachsröste erinnern. Am 17. Juni soll die Gedenkstätte mit ihren drei Grundelementen - einem Denkmalort, einem Erinnerungsort sowie einem Informationsportal - eingeweiht werden.

Hierfür soll der Ausschuss für Bauen und Schulen des Kreistags an diesem Dienstag, 4. Februar, formal der Nutzungsvereinbarung mit der Stadt Unterschleißheim zustimmen; dies ist notwendig, da sich ein Teil des Denkmals, das von der Münchner Künstlerin Kirsten Zeitz gestaltet wird, auf einem Grundstück des Landkreises München befindet.

Erst in den vergangenen Jahren hat sich ein Bewusstsein für das Schicksal der Zwangsarbeiter in der Flachsröste Lohhof und die Aufarbeitung der Zustände in diesem menschenverachtenden Lager entwickelt. Ausgangspunkt war eine Initiative des Heimatforschers Wolfgang Christoph, die den Historiker Maximilian Strnad dazu veranlasste, die Geschichte der Flachsröste und der Zwangsarbeiter zu erforschen; im Jahr 2013 veröffentlichte Strnad sein umfassendes Werk "Flachs für das Reich".

In der in den Jahren 1934 bis 1937 errichteten Lohhofer Flachsröste mussten Zwangsarbeiter, vor allem Juden aus der Stadt München und dem Umland, aber auch ukrainische und polnische Zwangsarbeiter, in den Kriegsjahren unter menschenverachtenden Umständen Flachsfasern vom Kern lösen, die dann in der Garnproduktion verwendet wurden. "Das jüdische Arbeitskommando Lohhof" galt als eines der gefürchtetsten Zwangsarbeiterlager in und um München, viele der Zwangsarbeiter - vor allem junge Frauen - wurden später in Vernichtungslager deportiert.

Thema an den Schulen

Vor sieben Jahren hat sich der Unterschleißheimer Stadtrat erstmals mit der Idee auseinandergesetzt, einen Ort der Erinnerung und Information aufzubauen, und einen entsprechenden Grundsatzbeschluss gefasst. Die Geschichte der Flachsröste ist mittlerweile auch an den Schulen, vor allem am Carl-Orff-Gymnasium sowie der Fachober- und Berufsoberschule, angekommen und hat Eingang in den Geschichtsunterricht gefunden. Im vergangenen Schuljahr haben sich etwa Gymnasiasten in einem Projekt-Seminar mit dem Thema befasst und einen sogenannten Actionbound entwickelt, eine App, die den Nutzer auf einen Rundgang vom S-Bahnhof Lohhof zum Standort des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers mitnimmt. Die Schüler der FOS/BOS haben dazu in Archiven und alten Unterlagen recherchiert und Biografien von Zwangsarbeitern erarbeitet. Der Actionbound steht auf der Homepage des Carl-Orff-Gymnasiums.

An der FOS/BOS nahe dem S-Bahnhof wird auch der Erinnerungszyklus starten, der an die Verbrechen in Lohhof erinnern soll, auf einem Grundstück des Landkreises östlich des Schulkomplexes. Der "Weg der Erinnerung", den Kirsten Zeitz erarbeitet hat und der als Sieger aus einem Kunstwettbewerb hervorgegangen ist, beginnt mit zwei Pflanzflächen, auf denen Stauden-Lein ausgesetzt wird. Inmitten der blau blühenden Flachspflanze werden drei Stelen an die Zwangsarbeiter erinnern. Etwa 500 Meter weiter wird an der Carl-von-Linde Straße, Ecke Johann-Kotschwara-Straße ein Informationspunkt eingerichtet. Von dort aus hat der Besucher freie Sicht auf den Turm der Flachsröste, der erhalten ist. Zudem werden hier weitere fünf Stelen zur Erinnerung an das Geschehene und das Leiden der Menschen errichtet.

Das lange vergessene Arbeitslager in Lohhof soll so wieder präsent werden. Denn auch die Schüler des P-Seminars am Carl-Orff-Gymnasium stellten fest: "Die meisten Personen, die täglich den Lohhofer S-Bahnhof benutzen, um zur Arbeit oder Schule zu kommen, wissen nicht, was hier im Dritten Reich geschah."

© SZ vom 04.02.2020/belo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite