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Trauerbewältigung:"Wie ein Bergführer, der eine gewisse Strecke leitet"

Susanne von Müller ist Therapeutin und Trauerbegleiterin. Neben ihrer Praxis für Psychotherapie in Rosenheim arbeitet sie für das Oberhachinger Hospiz-Zentrum der Caritas. Seit acht Jahren begleitet sie Menschen durch ihre Trauer.

(Foto: Privat)

Susanne von Müller über ihre neue Trauergruppe für junge Erwachsene, die Eltern und andere Nahestehende verloren haben

Interview von Anna Lea Jakobs, Oberhaching

Von kommendem Monat an organisiert das Zentrum für Ambulante Hospiz- und Palliativ-Versorgung der Caritas in Oberhaching eine Online-Trauergruppe für junge Menschen zwischen 25 und 35, die ein Elternteil verloren haben. Bedingt durch die Corona-Pandemie sollen die Treffen online mit zwei bis maximal vier oder fünf Trauernden stattfinden. Anmelden können sich junge Erwachsene aus dem ganzen Landkreis durch ein Vorgespräch mit der Trauerbegleiterin Susanne von Müller. Im SZ-Gespräch erzählt sie, was an der neuen Trauergruppe anders ist.

SZ: Wieso haben Sie sich dazu entschlossen, eine Gruppe speziell für diese Altersgruppe zu gründen?

Susanne von Müller: In der letzten Zeit kamen immer mehr Anfragen von jungen Erwachsenen. Dazu zähle ich Menschen von 25 bis 35, die ein Elternteil verloren haben und sich Unterstützung wünschen. Die Kinder- und Jugendtherapie gilt meist nur bis 27. Für junge Erwachsene gibt es daher wenig Gruppenangebote. Deshalb kam die Idee, ob man so etwas nicht online aufziehen könnte, weil die Affinität zu Online-Plattformen bei jüngeren Menschen eher da ist als im höheren Alter.

Wie kann denn eine Trauergruppe jungen Menschen helfen, mit ihrem Verlust umzugehen?

Das A und O liegt beim Austausch, vor allem mit Gleichaltrigen, damit ich als Trauernder erfahre, wie andere mit Verlust umgehen. In einer offenen Trauergruppe kann das möglicherweise schwierig sein. Da gibt es 50-jährige, die um ihren Partner trauern, und 30-Jährige, die ein Elternteil verloren haben. Die haben unterschiedliche Bedürfnisse.

Wir heilen also auch dadurch, dass wir uns mit anderen identifizieren können.

Richtig. Aber dass man so etwas moderieren muss, ist auch klar. Sonst könnte das zum Stammtischgespräch ausarten.

Findet die Gestaltung der digitalen Trauerbegleitung im Vergleich zu Präsenz-Treffen anders statt?

Was sich natürlich unterscheidet ist, dass wir nicht im Kreis sitzen, sondern eben alle auf den Bildschirm schauen. Denkbar ist, dass es etwas Ähnliches wie ein Anfangs- und Endritual in einem geschlossenen Zeitrahmen gibt, wie bei Präsenztreffen auch. Das könnte ein Bild sein, eine Klangschale oder eine Kerze.

Glauben Sie, dass Trauernde Rituale brauchen, ein Gefühl der Beständigkeit?

Es ist wichtig, dass wir ein Anfang und ein Ende haben und dass die Zoom-Gespräche ganz klar abgegrenzt sind vom normalen Alltag. Ich kann beim Zoom-Meeting nicht durch die Küche rasen und kochen. Die Gespräche müssen einen Raum bekommen und entsprechend gewürdigt werden.

Was passiert, wenn mehrere Menschen online zusammensitzen und über ihren Verlust reden? Wird da auch mal gelacht?

Ob Online- oder Präsenzveranstaltung - diese Trauergruppen verhelfen dazu, wieder zurück ins Leben zu kommen. Selbstverständlich gehört dann auch Lachen dazu. Aber eben auch, den Schmerz wahrzunehmen, weil oftmals Verlust, Trauer und Schmerz weggedrängt werden.

Was passiert, wenn man Schmerz lange verdrängt?

Versuchen Sie doch mal, eine ganze Weile die Zähne zusammenzubeißen. Das wird wehtun, oder? Als erstes merkt man es im Kiefer, dann im Nacken, Rücken und Kopf. Auf Dauer kann man solche Zustände nicht aushalten. Trauer hat unterschiedliche Gesichter, die vielleicht nicht sofort zu erkennen sind. Trauer an sich ist aber keine Erkrankung, sondern eine normale Reaktion auf einen Verlust.

Wie verkraften Sie das als Trauerbegleiterin, ständig mit dem Schmerz des Verlusts der anderen konfrontiert zu sein und trotzdem gut zu schlafen?

Das muss man lernen. Ob ich trauernde Menschen begleite oder Familien mit schwersterkrankten Kindern, die sterben werden - das sind alles Schicksale, die ich nicht zu meinen eigenen machen darf. Natürlich macht mich das bewusster in meinem Leben, weil ich viele Dinge aus einer anderen Perspektive sehe, aber ich mache es nicht zu meinem. Der Schmerz gehört mir nicht.

Gibt es nicht trotzdem Momente des Zweifels?

Ich bin Mensch. Wenn es mich nicht berührte, würde ich mich hinterfragen. Ich weine auch mal mit den Trauernden zusammen. Aber das sind Momentaufnahmen und damit kann und darf ich mich nicht länger befassen. Aber die menschliche Seite gehört dazu, ich muss mitfühlen, aber nicht im Mitleid untergehen.

Glauben Sie, dass die digitale Trauerbewältigung Zukunftspotenzial hat?

Was ich mir gut vorstellen könnte für den Teilnehmerkreis im jungen Alter, dass man Treffen im Wechsel organisiert. Wenn Kontakte wieder möglich sind, könnte man zwischen Online- und Präsenztreffen wechseln.

In welcher Regelmäßigkeit wird die Trauergruppe stattfinden?

Einmal im Monat. Die Trauergruppe ist keine Einzeltherapie. Es ist eine Begleitung in einem gewissen Zeitraum, wie ein Bergführer, der einen für eine gewisse Strecke leitet. Wenn ich die erreicht habe, dann brauche ich den Bergführer nicht mehr.

© SZ vom 14.01.2021
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