Tassilo:Handschlag vor dem Konzertbesuch

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Tassilo: Die ehemalige und aktive erste Vorsitzende: Theresa Heil (links) gründete 1997 den Verein, vor allem, um das damals suboptimale Veranstaltungsangebot am Ort zu erweitern. Wie ihrer Vorgängerin liegt auch Angela Pöhlchen (rechts) die persönliche Betreuung älterer kulturaffiner Haarer am Herzen.

Die ehemalige und aktive erste Vorsitzende: Theresa Heil (links) gründete 1997 den Verein, vor allem, um das damals suboptimale Veranstaltungsangebot am Ort zu erweitern. Wie ihrer Vorgängerin liegt auch Angela Pöhlchen (rechts) die persönliche Betreuung älterer kulturaffiner Haarer am Herzen.

(Foto: Claus Schunk)

Kandidaten für den SZ-Kulturpreis: Der Kulturverein Haar hat es sich auf die Fahnen geschrieben, ein familienfreundliches und zugleich ambitioniertes Programm anzubieten. Die persönliche Nähe zu den Abonnenten spielt eine wichtige Rolle.

Von Franziska Gerlach, Haar

Als im November die Zahl der Neuinfektionen in die Höhe schoss, hat Angela Pöhlchen nicht nur viele E-Mails verschickt. Sie griff auch etwa 30 Mal zum Telefonhörer, weil sie jene Abonnenten ohne elektronischen Postzugang darüber in Kenntnis setzten wollte, dass es nun vorerst nichts werde mit der Kultur im Haarer Bürgersaal. Jedes Mal erklärte Pöhlchen aufs Neue, dass sie die geplanten Veranstaltungen leider verschieben müssten. Das Konzert des Goldmund Quartetts ebenso wie jenes des Pianoduos Ani & Nia und die Vernissage von Detlef Henke, eines Schülers von Norbert Tadeusz. "Das ist der persönliche Service des Haarer Kulturvereins", sagt Pöhlchen, seit April 2019 im Vorstand tätig. Die 57-jährige Finanzbeamtin schmunzelt, und irgendetwas in ihrem Schmunzeln sagt, dass sie diesen Service, der eine besondere Nähe zu den Abonnenten ausdrückt, gerne geleistet hat.

Ein knappes halbes Jahr später bestimmt das Coronavirus das Leben der Menschen noch immer. Doch an diesem sonnigen Vormittag geht es in dem hellen Raum des Haarer Bürgersaals, in dem sich die Vereine treffen, wenn sie etwas zu besprechen oder planen haben, endlich mal wieder nur um die Kultur. Neben Pöhlchen am Tisch sitzt ihre Vorgängerin im Amt des Vorstands, die frühere CSU-Gemeinderätin Theresa Heil, auf deren Initiative hin der Kulturverein Haar 1997 gegründet wurde. Weil es damals, so erzählt die 86-jährige Haarerin, außer den Konzerten des "Ensembles Haar" hier keine kulturellen Veranstaltungen gegeben habe.

Heil wollte die Gemeinschaft stärken und jenen Ort mitgestalten, in dem sie in den frühen Sechzigern ein Haus gekauft hatte. Sie hat alte Fotos und Zeitungsartikel mitgebracht und obendrein einen dicken Schnellhefter mit sämtlichen Programmen der vergangenen 24 Jahre - papierne Zeugnisse einer Vereinsgeschichte, an deren Anfang ein fulminantes Konzert mit mehr als 520 Gästen stand.

Joan Orleans, der Gospelstar aus Haar, gab am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1996 ein Benefizkonzert, im glitzernden Hosenanzug sang sie "Sing Low, Sweet Chariot", wird später in der Zeitung zu lesen sein - und dass sie selbst ohne Mikrofon "eine Bahnhofswartehalle in einen Konzertsaal" verwandeln könne. Der Erlös dieses Weihnachtskonzertes, rund 11 000 D-Mark, wird den "finanziellen Grundstock" für die Arbeit des Kulturvereins bilden.

Im Übrigen, das wollen Heil und Pöhlchen erwähnt haben, bestand der Vorstand stets aus vier gleichberechtigten Mitgliedern. Momentan sind das: Angela Pöhlchen, Gabi Rehmet, Gabriele Aumann und Inge Eckstein, ein Gründungsmitglied. Für die Kunstausstellungen zeichnete von Anfang an der Haarer Künstler Wolfgang Dietrich verantwortlich. Anfang 2019 ging aus den Vorträgen des Kulturvereins unter Federführung von Marianne Heidegger ein "Philosophischer Salon" als eigenes Format hervor.

"Es ist uns ein Anliegen, Kultur generationsübergreifend anzubieten."

Dazu muss man zunächst einmal sagen, dass die Gründung eines Kulturvereins vor den Toren Münchens nicht ohne Risiko ist - aber auch ziemlich clever: Denn Heil und ihre Mitgründer sahen in den Neunzigern eben, dass gerade für Familien mit Kindern ein Konzertbesuch am Ort einfacher zu organisieren ist, als einer, für den man sich auf den Weg in die Stadt machen muss. "Es ist uns ein Anliegen, Kultur generationsübergreifend anzubieten", sagt Pöhlchen, die auch die "Haarleluja Singers" leitet, den Gospelchor der Evangelischen Jesuskirche.

Mit vier Konzerten und einer Ausstellung pro Jahr will man das Programm für die mehr als 200 Abonnenten nicht überfrachten. Ab und an wollten die Leute ja doch einen Abend in München verbringen. Und wer sich Theresa Heils Schnellhefter vornimmt, dem wird bald dämmern, mit welchem Anspruch das Programm in all den Jahren erstellt wurde. Der Oboist Simon Dent stand in Haar auf der Bühne und der Schauspieler Ilja Richter las hier die Texte zu Strawinskys Musiktheaterstück "Die Geschichte vom Soldaten".

Andere, die in Haar auftraten, sollten später eine beachtliche internationale Karriere hinlegen. 1998 spielte etwa der damals 24 Jahre alte, in Unterhaching aufgewachsene Jörg Widmann im Bürgersaal, der heuer für sein Wirken als Klarinettist, Komponist und Dirigent den Musikpreis der Landeshauptstadt München erhält. Man habe stets versucht, auch jüngere Künstler einzubeziehen, und natürlich auch gern in Haar lebende Künstler, wie die Sopranistin Christa Maria Hell oder den Posaunisten Hansjörg Profanter.

Generell wolle man "eine möglichst große Vielfalt" an Konzerten bieten, erläutert Pöhlchen. "Aber natürlich ist die Klassik unser Anker." Heil hat nun ihrerseits angefangen, in den alten Programmen zu blättern. Sie bleibt im Jahr 2017 hängen, als das "Ensemble Haar" ein Konzert zum 20. Geburtstag des Kulturvereins gab, Beethoven und Schumanns Frühlingssinfonie. Ein Höhepunkt war "Faust ... ein gefesselter Prometheus?!" - die musikalisch-szenische Lesung, bei der Heil 2015 auf den Schauspieler Klaus Maria Brandauer traf.

Wie's war? Schulterzucken. Große Namen können diese Frau, die sich zeit ihres Lebens ehrenamtlich engagiert hat, offenbar nicht beeindrucken. Man denke immer, es sei schwierig, die Künstler zu gewinnen. Dabei sei das recht einfach, sagt Heil. "Die wollen ja auch auftreten." Und vielleicht ist das Besondere an diesem Verein, dass man sich selbst nicht so wichtig nimmt. Dass hier der Handschlag, mit dem man Abonnenten - zumindest vor Corona - bei einem Konzert zu begrüßen pflegte, was zählt.

Wenn der Bürgersaal von Oktober an renoviert wird, wird der Verein mit seinem Programm ins Kleine Theater Haar ausweichen. Und dann steht 2022 noch der 25. Geburtstag des Vereins an. "Den könnte man feiern, wenn man Lust hat", sagt Heil.

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