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Tarifreform:Aufstand im Zonenrandgebiet

Berufsverkehr

Wer zahlt wie viel? Die geplante Tarifreform spaltet den Landkreis.

(Foto: dpa)

Die Kritik an der geplanten MVV-Reform wird größer und lauter. Vor allem Politiker aus Kommunen im Landkreisnorden, die nicht zum Innenraum gehören werden, kündigen Widerstand an.

Die Botschaft aus der ersten Zone ist sehr eindeutig. Ismanings Bürgermeister und SPD-Kreisrat Alexander Greulich sagt, er werde der MVV-Tarifreform im Kreistag nicht zustimmen, sollte es nicht noch "substantielle Veränderungen" geben. Wie diese Nachbesserungen aussehen sollten, definiert Greulich auch sehr deutlich: "Unser Ziel war und ist es, dass alle Kommunen des Landkreises in den Innenraum rutschen." Die Tarifreform, so der Ismaninger Rathauschef, "wäre eine Chance gewesen, uns im Norden zu zeigen, dass man uns ernst nimmt. Das ist nicht passiert."

Greulich ist nicht der einzige namhafte Politiker aus dem Landkreis München, der gegen die Tarifreform opponiert. Vor allem im Norden nimmt der Widerstand zu. Auch Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) hätte sich gewünscht, dass seine Gemeinde von der Reform profitiert. Der S-Bahnhof Heimstetten aber hat es nicht in den M-Raum, den neuen Innenraum, geschafft, sondern liegt wie Ismaning in der ersten Zone. "Das ist sicher kein großer Wurf", sagt Böltl über die Reform. Doch kann der Druck aus einigen Kommunen die Neuordnung zu Fall bringen?

Der Neuordnung des Tarifsystems, die von 9. Juni 2019 an gelten soll, müssen alle Gesellschafter des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds zustimmen: der Freistaat, die Landeshauptstadt sowie die Kreistage der Landkreise München, Bad Tölz-Wolfratshausen, Dachau, Ebersberg, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck und Starnberg. Schert nur ein einziger Partner aus, tritt die Reform nicht in Kraft. Dass die Reform überhaupt einen Beitrag zur Lösung der Verkehrsprobleme in der Region leistet, zweifelt Kirchheims CSU-Bürgermeister an: "Dafür braucht es radikale Lösungen. Der ÖPNV muss schneller und billiger werden." Mit dieser Reform werde dieses Ziel sicher nicht erreicht. Daher lässt Böltl offen, ob er ihr im Kreistag zustimmt: "Ich habe mich noch nicht festgelegt."

Verständnis für die Bürgermeister im Norden

Wie hin- und hergerissen mancher Bürgermeister ist, der als Kreisrat auch für den gesamten Landkreis Verantwortung trägt, zeigt die Reaktion von Putzbrunns Rathauschef Edwin Klostermeier (SPD). Seine Gemeinde liegt künftig im M-Raum. Deshalb werde er für die Reform stimmen, weil sie für die Putzbrunner viel bringe. "Aber ich verstehe die Bürgermeister im Norden und würde mich in ihrer Situation auch dagegen stellen", sagt Klostermeier.

Mit der Reform hart ins Gericht geht Grasbrunns Bürgermeister: "Ich kann nicht zustimmen", sagt Klaus Korneder (SPD). Für Hunderte Ein- und Auspendler von und nach Grasbrunn ist der S-Bahnhof Vaterstetten wichtiges Drehkreuz; der aber liegt künftig in Zone eins. "Das ist der Bahnhof in der mit Abstand größten Gemeinde im Landkreis Ebersberg. An einem wichtigen Wirtschaftsstandort. Das kann nicht sein", empört sich Korneder und übt zugleich scharfe Kritik am Vertreter der Landkreise in der MVV-Gesellschafterrunde, Ebersbergs Landrat Robert Niedergesäß (CSU): "Er hat das ausgehandelt, dabei war er selbst einmal Vaterstettener Bürgermeister." Die Oberschleißheimer CSU-Kreisrätin Angelika Kühlewein verteidigt zwar das Verhandlungsergebnis, obwohl Oberschleißheim demnach nicht zum M-Raum zählt, fordert aber ebenfalls, der Kreis müsse dafür kämpfen, dass künftig noch mehr Kommunen zum Innenraum gehören.

Auch aus dem Südosten des Landkreises kommt Kritik an der Reform: Für die Gemeinde Aying bedeute die Reform eine "Dreifachkombination aus Nachteilen", beklagt die Initiative S 7 Ost. Der geplante Tarifsprung zwischen Aying und Peiß/Großhelfendorf werde die S-Bahn ab Peiß und Großhelfendorf weiterhin unattraktiv machen, so Nortrud Semmler, die Sprecherin der Initiative. In Ebenhausen regt man sich darüber auf, dass Pendler künftig 30 Euro mehr für eine Monatskarte in die Münchner Innenstadt zahlen müssen als vom Bahnhof Hohenschäftlarn aus. "Das ist eine Frechheit", sagt der CSU-Ortsvorsitzende Christian Fürst.

Ismanings Bürgermeister Greulich, der sich als Kreisrat "allen Bürgern der Nordgemeinden" verpflichtet fühlt, will mit seinen Kollegen von der Nordallianz reden - das sind die Bürgermeister aus Ober- und Unterschleißheim, Unterföhring sowie Garching - um den "Druck" hochzufahren, "bis unsere Belange ernst genommen werden", wie er sagt. Dass die Reform im Kreistag scheitert, glauben allerdings selbst die Kritiker nicht. "Es wird sich eine Mehrheit finden", ist Putzbrunns Bürgermeister Klostermeier überzeugt.

© SZ vom 19.07.2018/belo

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