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SZ-Serie: Bürgermeister nehmen Abschied vom Amt :Wem die Stunde schlägt

Misstrauischer sei er geworden, sagt Johann Eichler, Ayings Bürgermeister, über sich selbst.

(Foto: Claus Schunk)

Nach 24 Jahren gehört Johann Eichler demnächst allein seiner Frau Rita. In Aying ist er weithin beliebt und geachtet

Rathaus, Kirche und Wirtschaft liegen in Aying so nahe beieinander, dass sich Bürgermeister, Pfarrer und Bräu mit lautem Rufen einen schönen Tag wünschen könnten. Es dürfte ihnen nur nicht St. Andreas ins Wort fallen. Die viertelstündigen Zeitschläge aus dem Glockenturm der Pfarrkirche begleiten Bürgermeister Johann Eichler (PWH) seit seinem Amtsantritt vor 24 Jahren täglich bei der Arbeit. Jetzt aber klingt seine Dienstzeit aus und die Glockenlaute werden bald keine Konstante mehr sein in seinem Leben. Am Abend des Donnerstag, 30. April, wenn die Stundenglocke sechsmal schlägt, wird der 63-Jährige zum letzten Mal die Rathausschlüssel ins Schloss stecken, bereits sechs Stunden darauf wird diese mit zwölf Schlägen seine Amtszeit offiziell beenden und gleichzeitig die seines Nachfolgers Peter Wagner (CSU) einläuten. 8766 Tage wird Johann Eichler, der dienstälteste Bürgermeister im Landkreis München, dann im Amt gewesen sein. Das war gut so, für ihn und für die Gemeinde.

Er wird drei helle Flecken an den Wänden in seinem Amtsbüro zurücklassen. Neben zwei persönlichen Fotos will er auch eines mit nach Hause nehmen, das den Transrapid zeigt; der Ingenieur für Fahrzeugtechnik war als Projektleiter für die Fahrwegsanierung der Magnetschwebebahn verantwortlich, ehe er am 1. Mai 1996 als 39 Jahre alter Bürgermeisterfrischling zum Weichenstellen ins Ayinger Rathaus einzog. "Kann so ein junger Spund Bürgermeister sein?", fragten damals denn auch die Leute im Ort.

Ja, er konnte, sogar fast ein Vierteljahrhundert lang. Und er hätte sehr wahrscheinlich sogar noch länger gekonnt, wenn er nur gewollt hätte. Johann Eichler hat sich in der Zeit seines politischen Wirkens großen Respekt erworben, sowohl bei der Bürgerschaft als auch bei der Rathausmannschaft und nicht zuletzt bei den politischen Kontrahenten, die es daher wohlweislich bleiben ließen, einen eigenen Bürgermeisterkandidaten gegen den beliebten Platzhirschen auf die Lichtung zu stellen. Der oder die hätte sich eine blutige Nase geholt.

Seinem Nachfolger Peter Wagner von der CSU, der sich in der Stichwahl gegen Hermann Oswald (PWH) durchgesetzt hat, ist durchaus bewusst, dass er in große Fußstapfen treten wird. "Was der alles gemacht hat in den 24 Jahren. Wo die Gemeinde damals stand und heute steht, da sind Welten dazwischen. Im Großen und Ganzen war der Hans ein super Bürgermeister", urteilt Wagner.

Es ist eine ebenso heitere wie rührende Geschichte, die die Beliebtheit des Rathauschefs vor allem in der Bevölkerung belegt: Sie spielt am Abend der Stichwahl am 29. März in der Ayinger Turnhalle, wo die Stimmen ausgezählt wurden. Wagners Erfolg stand bereits fest, die Auszählung für die Landratswahl lief noch, als Rita Eichler oben auf der Empore ihrem Mann mit verschmitztem Lächeln wissen ließ: "So, jetzt gehörst mir alleine." Für einen Moment wurde es still in der Turnhalle. Die Auszähler unterbrachen ihre Arbeit, schauten allesamt hinauf zu den Eichlers und begannen zu klatschen. Wenn der Vorhang fällt und Applaus einsetzt, dann kann der Auftretende nicht viel falsch gemacht haben.

Einiges freilich schon, wie sollte es anders sein. Aber er hat aus seinen Fehlern gelernt, etwa aus der krachenden Niederlage bei der geplanten Dorferneuerung. Heute würde er die Landwirte sicherlich früher mit ins Boot holen. "Alle lieben mich nicht", weiß der scheidende Bürgermeister. Und auch das ist für ihn gut, hält er es in dieser Hinsicht doch mit Franz Josef Strauß, der einst zu dem Schluss kam, dass "everybodys darling everybodys Depp" sei. "Dieses Amt verändert einen, man wird misstrauischer", sagt Eichler und berichtet von seiner Zeit als Bürgermeisterneuling, da einige seine fehlende Erfahrung für Privilegien ausnutzen wollten, etwa bei Bauanträgen. "Je länger man im Amt ist, desto mehr Menschen muss man auf die Füße treten", sagt er.

Die große Stärke von Johann Eichler sei gewesen, dass er sich von niemanden vereinnahmen habe lassen, sagt der stellvertretende Bürgermeister Josef Bachmair von der FWGA. "Er hat immer darauf geschaut, dass niemand bevorteilt oder benachteiligt wird, ob groß oder klein." Wenn ein Rathauschef vermittelt statt polarisiert, Sachthemen von allen Emotionen befreit, dann wird er von den Bürgerinnen und Bürgern als neutrale Instanz wahrgenommen. Bachmair spricht Eichler in dieser Hinsicht eine menschliche Größe zu, die wenige Politiker hätten.

Sein zum Amtsantritt dunkelbraunes Haar ist silbergrau geworden, hat an Fülle aber nichts verloren. Die kräftigen Hände des vitalen 63-Jährigen verraten, dass sie nicht nur Bleistifte gespitzt haben. Ob er täglich zum Transrapid fuhr oder später zum Ayinger Rathaus, Johann Eichler verrichtete zuvor immer erst Stallarbeit bei sich zuhause in Kleinkarolinenfeld. Im Stall habe er seine besten Ideen gehabt, sagt er. Seine Milchwirtschaft hat der langjährige Nebenerwerbslandwirt 2016 an Tochter Veronika und Schwiegersohn Markus übergeben. Dass er seit seiner ersten Vereidigung 24 Jahre älter geworden ist, das merke er manchmal auch bei Besuchen von Kindergärten. "Die erste Zeit haben die ganz Kleinen manchmal Papa zu mir gesagt. Heute sagen sie Opa."

Johann Eichler ist ein Familienmensch durch und durch, und bevor er vor 24 Jahren vom Transrapid auf das Bürgermeister-Dienstauto umstieg, mussten Frau und Kinder zustimmen. Seine Familie habe ihm lange genug Verständnis entgegengebracht. "Es reicht", sagt er. Wenn er in wenigen Tagen endgültig von der politischen Bühne abtritt, dann mit einem guten Gefühl: "An keinem einzigen Tag habe ich es bereut, Bürgermeister von Aying geworden zu sein." Seinem Nachfolger hat er Starthilfe zugesichert. "Bei Fragen bin ich da, ich bin ja nicht gestorben", sagt er. Obwohl er doch jetzt eigentlich seiner Frau Rita "alleine gehört".

© SZ vom 22.04.2020

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